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Quelle: Pferdesport International, Text: Thomas Borgmann

Gerd Heuschmann im Gegenwind


Er spaltet die Dressurwelt in zwei Lager:
Entweder wird Dr. Gerd Heuschmann als
"Anwalt der Pferde" verehrt - oder
aufgrund seiner polarisierenden und
pauschalierenden Äußerungen
heftigst kritisiert.
Hunderte pilgern in seine Vorträge, zahlreiche Reitinteressierte haben seinen Film „Stimmen der Pferde“ gekauft. Der Tierarzt Dr. Gerd Heuschmann ist in aller Munde. Jetzt treten die ersten Kritiker auf den Plan: Baden-Württembergs Dressurreiter werfen ihm „pauschale Urteile“ und „Polemik auf Stammtischniveau“ vor.

Die idyllisch gelegene „Untere Körschmühle“ im Stuttgarter Stadtteil Möhringen genießt seit den fünfziger Jahren den Ruf, eine grundseriöse private Reitschule zu sein. Damals gründete sie der Schwabe Martin Hölzel, sein Sohn Manfred brachte den Betrieb zur Blüte, dessen Bruder Wolfgang war in den 80er Jahren Leiter der Deutschen Reitschule in Warendorf. Heute führt Manfred Hölzels Schwiegersohn Ralf Müller die Reitschule, ein erfahrener Ausbilder von Dressurreitern und –pferden. Just in seiner rustikalen Mühle traf sich die Fachgruppe Dressur Baden-Württemberg im Deutschen Reiter- und Fahrerverband (DRFV) zu ihrer Jahrestagung.

Neben allerlei Regularien stand ein Thema im Mittelpunkt, das Karen Tebar engagiert ins Gespräch gebracht hatte. International für Frankreich am Start und ein Begriff in der Dressurszene, ist sie gerade im Begriff, ihre 18-jährige Fuchsstute Falada aus dem Sport zu verabschieden. Seit zwei Jahren verfolge sie die Arbeit, die Vorträge und jüngst auch den neuen Film „Stimmen der Pferde“ des Tierarztes Dr. Gerd Heuschmann. Anschaulich und interessant finde sie seine fundierten Hinweise auf die anatomischen und die biomechanischen Vorgänge beim Pferd – allerdings sei es „bedauerlich, dass er immer wieder pauschal und extrem polemisch die Turnierreiter und die Dressurreiter der höheren Klassen angreift“.

„Effekthascherei“

Unter anderem zeige er in seinem Film ein siebenjähriges Dressurpferd auf dem Weg in den Operationssaal, wobei er behaupte, es sei „jahrelang international gegangen und nun kaputt“. Doch jeder wisse, dass ein erst siebenjähriges Pferd so gut wie keine internationalen Startmöglichkeiten hat. Gerd Heuschmann, so Karen Tebar weiter, verweise in seinem Film auf den Fall Christine Wels, die vor wenigen Monaten in Kiel wegen schwerer Tierquälerei zu Recht verurteilt worden sei. Sie empfinde es als „unredlich, diesen extremen Einzelfall, der uns alle schockiert hat, so darzustellen, als seien derartig krasse Verstöße quasi an der Tagesordnung“. In Tebars Augen arbeite Heuschmann im Film wie bei seinen Vorträgen mit „Effekthascherei“ und auf „Stammtischniveau“: Unschöne Bilder von Spitzenreitern, in kurzen Sequenzen mehrmals wiederholt, erweckten beim Betrachter den Eindruck, als werde auf Abreiteplätzen stundenlang auf diese Weise geritten. Alle Sportreiter würden an den Pranger gestellt und aus jeder sachlichen Diskussion ausgegrenzt. Dieses Vorgehen werte Heuschmanns eigene Arbeit ab. Die Kritik an seiner Arbeit kontere er auf seiner Internetseite mit dem Satz „Getroffene Hunde bellen“ – auch dies werde dem Anspruch einer offenen und fairen Debatte auf angemessenem Niveau nicht gerecht.

Falscher Eindruck

Dr. Dietrich Plewa, renommierter Anwalt, früherer Landestrainer und lange Zeit auch Vorsitzender der Fachgruppe Dressur in Baden-Württemberg, sagte gegenüber „Pferdesport International“: „Ich war bei dem Treffen in der Körschmühle dabei und habe die Resolution uneingeschränkt unterstützt.“ Die Thesen des Tierarztes nannte Plewa „eine pauschale Verunglimpfung der Turnierreiter“. Der Eindruck, den Heuschmann gerne verbreite, früher sei alles besser gewesen, sei nachweislich falsch: „Früher standen die Pferde 23 Stunden des Tages im Stall. Das ist doch längst nicht mehr der Fall. Fütterung und Haltung der Pferde haben sich völlig verändert und wesentlich verbessert. Die weit überwiegende Mehrheit der Sportreiter müht sich tagtäglich um eine seriöse Ausbildung und Trainingsarbeit.“ Heuschmann wisse dies auch sehr genau. Heuschmanns Film habe unbestritten seine Stärken in der Darstellung der Biomechanik. Plewa: „Umso mehr frage ich mich, „warum diese Tierarzt es nötig hat, mit solchen Pauschalurteilen und Verallgemeinerungen zu agieren“.

„Unter der Gürtellinie“

Martin Schaudt, der Doppelolympiasieger aus Albstadt, fällte gegenüber „Pferdesport International“ das schärfste Urteil: „Ich war bei dem Aktiventreffen in der Körschmühle nicht dabei, gehöre aber zum Vorstand unserer Fachgruppe. Mir geht die verabschiedete Resolution nicht weit genug, ich halte sie für viel zu sanft.“ Seiner Ansicht nach dürfe man „einem Tierarzt, der den Hass schürt gegen die Spitzenreiter und unter der Gürtellinie argumentiert, kein Forum bieten“. Die rein medizinischen Darstellungen in Heuschmanns Film seien aus seiner Sicht zwar in Ordnung, gleichwohl wundere er sich darüber, dass „öffentliche und private Gestüte, Landesverbände und andere Institutionen Gerd Heuschmann zu seinem teilweise unseriösen Vorträgen einladen“. Heuschmanns These laute: Das Dressurreiten ist Tierquälerei! Aber, so Martin Schaudt, „wer sich nur ein wenig auskennt, der weiß, dass das nicht stimmt“. Er frage sich überdies, weshalb die Deutsche Reiterliche Vereinigung nicht klar und eindeutig Stellung beziehe gegen solche groben Unterstellungen.

Der in Stuttgart neu gewählte Vorsitzende der baden-württembergischen Fachgruppe, Jörg Schrödter, Berufsreiter und Ausbilder aus Riedheim bei Ulm, sagte gegenüber „Pferdesport International“: „Wir haben diese kritische Stellungnahme zur Arbeit von Dr. Heuschmann einstimmig und ganz bewusst gefasst. Denn ich bin der Ansicht, dass es an der Zeit war, öffentlich Farbe zu bekennen und sich zu wehren.“ Schrödter und der Fachgruppe sei überdies unverständlich, „weshalb der Pferdesportverband Baden-Württemberg Herrn Heuschmann offiziell zu seiner Jahreshauptversammlung im April eingeladen hat“.

Debatte eröffnet

Kein Zweifel, Gerd Heuschmann bekommt nun den Gegenwind zu spüren. Erstaunlich immerhin, dass die ersten Breitseiten gegen seine Arbeit ausgerechnet aus Baden-Württemberg kommen, dessen Fachgruppe Dressur in den vergangenen Jahren wenig von sich reden gemacht hat. Vieles spricht dafür, dass sich nun auch Sportreiter und Profis aus anderen Regionen kritisch zu Wort melden. Die öffentliche Debatte über Heuschmanns scharfe Kritiken ist nun eröffnet. Er muss sich dem stellen, das Gespräch mit denen führen, die er so massiv angreift. Mit seiner simplen Replik, das getroffene Hunde nun mal bellen, ist es nicht getan.

Erklärung der Fachgruppe Dressur

„Wir verwehren uns gegen pauschalierte Vorwürfe gegen 'die Turnierreiter' beziehungsweise 'die Grand-Prix-Reiter'. Wir stimmen Dr. Gerd Heuschmann zu, das es auch in unserer Sportart oder Berufssparte 'schwarze Schafe' gibt, die in unangebrachter Weise mit dem Pferd umgehen. Wir möchten ganz klar zum Ausdruck bringen, dass wir gegen tierquälerischen und unsachgemäßen Umgang mit dem Partner Pferd sind. Auch wir sind der Meinung, dass gegen solches Verhalten rigoros eingeschritten werden muss.

Wir verpflichten uns und fordern unsere Mitglieder dazu auf, bei Auftreten eines solchen Verhaltens einzuschreiten und Reiter darauf anzusprechen, wenn sie sich so verhalten sollten, da wir die Vorbildfunktion der Turnierreiter und Ausbilder anerkennen.

Wir möchten aber auch ganz klar darauf hinweisen, dass die klassische Grundausbildung, wie wir sie nach den FN-Richtlinien anwenden, für die Gesunderhaltung aller Reitpferde wichtig ist, ob sie nun auf Turnieren geritten werden oder ob sie zur Freizeitgestaltung beitragen sollen.

Wir möchten dringend an Dr. Heuschmann appellieren, seine fachlich sehr interessante Arbeit nicht durch Polemik und aus dem Zusammenhang gerissene Darstellungen zu degradieren. Wir fordern ihn auf, eine sachliche Diskussion zuzulassen und nicht mit unlauteren Mitteln sein Ziel zu verfolgen, „so viel Aufklärung wie möglich unters Volk zu bringen“, an der auch wir interessiert sind. Letztlich wird durch diese Art der 'Aufklärung' der Anspruch auf Objektivität und damit auf sachliche und fachliche Richtigkeit seiner Untersuchungsergebnisse angreifbar.

Denn nur wenn gemeinsam Missstände aufgezeigt und dagegen vorgegangen wird, kann etwas erreicht werden. Durch vorzeitige Ausgrenzung 'der Sportreiter' ist eine Zusammenarbeit und damit eine Verbesserung der Bedingungen für den Partner Pferd nicht möglich.“

Fachgruppe Dressur Baden-Württemberg im Deutschen Reiter- und Fahrerverband