Quelle: Reiter Revue International 6/2009, Text: Sarah Schnieder, Fotos: Sabine Rieck
Ausbildung: Im grünen Bereich
Der richtige Absprungpunkt

Der ideale Absprungpunkt liegt beim Steilsprung
genauso weit entfernt, wie der Sprung hoch
ist.
Der rote Punkt zeigt die Stelle, an der
Quantitys
Vorderhand abgedrückt hat.
Franz! Weiße Schabracke, Vorderzeug … in zehn Minuten auf dem Derbyplatz.“ Alois Pollmann-Schweckhorst ist in Eile. Der Transporter steht bereit. Noch im niedersächsischen Mühlen, vor dem Absprung zum Berufsreiterchampionat in Bad Oeynhausen. Absprung ist gut. Genau den suchen wir. Den passenden Absprung vor Steilsprung und Oxer. Den zu finden, ist nicht leicht. Wir wollen wissen, wie es geht. Im Oldenburger Münsterland auf der Anlage von Paul Schockemöhle werden wir fündig. Denn wer könnte besser erklären, wie man passend zum Sprung reitet und mit welchen einfachen Übungen man sein Auge schulen kann, als Springreiter Alois Pollmann-Schweckhorst?
Zwanzig Minuten später: Franz Gruber, Bereiter im Stall Schockemöhle, trabt mit dem achtjährigen Hengst Quantity über den Derbyplatz hinter den roten Backstein-Ställen. Derbyplatz, weil dort früher Derbyhindernisse standen, mit denen fürs Hamburger Derby trainiert wurde. Heute ist er nur noch ein großer Sandplatz. Stall Pulvermanns Grab und Wall steht dort ein üppiger Parcours. Alois Pollmann-Schweckhorst legt zwei Stangen in etwa dreizehn Meter Abstand auf den Boden. Da soll der 22-jährige Bereiter, der aus Bayern nach Norddeutschland kam, nur drübertraben. „Er muss selber sehen, dass er passend hinkommt“, erklärt Pferdewirtschaftsmeister Pollmann-Schweckhorst. „Wenn das klappt, probieren wir es im Galopp.“

Über eine einzelne Stange traben und galop-
pieren ist nicht einfach. Hier kann der Reiter
prüfen, ob er den richtigen Blick für Distanzen
hat.
Franz Gruber kennt den braunen Quick-Star-Sohn, den er heute reitet, nicht gut. Er sitzt zum zweiten oder dritten Mal drauf. „Drei Tritte vor der Stange und drei Tritte hinter der Stange aussitzen“, fordert der Trainer. Der 44-Jährige deutet mit den Armen die Vorwärtsbewegung an. „Durch das Aussitzen wird daraus eine tragende Bewegung. Von der Schubkraft in die Tragkraft – das ist wichtig für das Überwinden der Hindernisse.“ Klappt! „Gut Franz.“ Alois Pollmann-Schweckhorst lobt auch bei kleinen Aufgaben. Er lehnt an der Stallwand und beobachtet durch seine Sonnenbrille jeden Tritt des Pferdes.
Nächster Schritt: Das Gleiche im Galopp. Die Galoppsprünge sind nicht vorgegeben. Das heißt, der Reiter muss selbst entscheiden, ob er im Fluss vorwärts reitet oder aufnimmt. Der Rhythmus muss stimmen. Das schult das Auge. „Achte auf deine Hände! Geschlossen, aufgereichtet, nicht verdeckt.“ Alois Pollmann-Schweckhorst schmunzelt: „Sonst gibt´s Leserbriefe.“ Der Hengst galoppiert frisch. Er macht einen großen Satz über die erste Stange, kommt etwas dicht an die zweite. „Sitzen bleiben“, ruft der Trainer. Die Stange darf nicht wie ein Hindernis angeritten werden. Der Galopp bleibt gleichmäßig, das Pferd drückt nicht ab. „Man muss sich das so vorstellen: Wenn eine Kamera nur den Ausschnitt um Vorderfußwurzelgelenk und Sprunggelenk filmt, ohne den Boden zu zeigen, darf in der Bewegung nicht zu sehen sein, wenn das Pferd über die Stangen galoppiert.“
Technik und das richtige Gefühl sind wichtig für Alois Pollmann-Schweckhorst: „Der Reiter darf nicht auf dem Pferd sitzen wie auf einem Fremdkörper.“ Er müsse auf die Bedürfnisse des Pferdes reagieren. Was hat das mit dem richtigen Absprung zu tun? Die nächste Aufgabe zeigt es: Ein schwarz-gelbes Kreuz, etwa zwölf Meter davor eine Stange. In ruhigem Tempo reitet Franz Gruber an, gleichmäßig, im Rhythmus zur Stange. Doch kaum hat er diese hinter sich gelassen, zieht Quantity an. Die Distanz ist dahin. Zu groß hebt der Braune ab. Alois Pollmann-Schweckhorst legt die Stange noch einen halben Meter weiter nach hinten. „Das muss man für jedes Pferd individuell anpassen.“

Etwa zwölf Meter liegt die Stange vor dem
Kreuz.
Das Pferd soll flüssig vorwärts galoppieren, aber
nicht die Führung übernehmen.
Für Quantity ist es etwas eng. Jetzt ist der Reiter gefragt, den Rhythmus nach der Stange zu halten. Galoppiert er so ruhig wie noch vor der Stange, kein Problem. „Sobald der Sprung ins Blickfeld des Pferdes gerät, kommt aber dessen Motivation dazu. Und schon ist die Distanz kaputt“, erklärt Alois Pollmann-Schweckhorst das Problem, das viele Reiter haben. „Von diesem Engagement des Pferdes leben wir Springreiter. Der Ehrgeiz muss nur kontrolliert werden können.“
Man merkt, Alois Pollmann-Schweckhorst mag heiße Pferde. Aus gutem Grund, wie er erklärt: „Der Reiter muss das Pferd vor sich haben. Nur so kann er es zurücknehmen und positive Spannung aufbauen.“ Der Springreiter vergleicht es mit einem Bogen. Wie stark man spannt, hängt von der Weite ab, die der Pfeil zurücklegen soll. Die Spannung des Pferdes muss so gehalten werden, dass es die optimale Kraft aufbringt, um den Sprung zu überwinden. Und wie bekommt der Reiter ein ruhiges, triebiges Pferd gespannt? Erstmal vorwärts reiten. Das Grundtempo müsse stimmen.
Aber zurück zu Quantity und zum passenden Absprung. Entwickelt das Pferd diese Eigendynamik, muss dessen Aufmerksamkeit zurückgewonnen werden. Gruber galoppiert im ruhigen Tempo über die Stange und pariert vor dem Kreuz durch zum Halten. „Jetzt klopf ihn ruhig, dann wende ab und galoppier neu an“, lautet die Anweisung. Beim zweiten Mal ist die Parade sanfter, das Pferd reagiert schneller. Wieder klopfen, wieder anreiten. Anstatt in der nächsten Runde wieder anzuhalten, soll der Reiter nun vor dem Kreuz nach links abwenden, über die Stange galoppieren, dann nach rechts abwenden. Noch zwei Runden und Quantity galoppiert kontrolliert, im Rhythmus, auch wenn das Kreuz in Sicht kommt. Pollmann-Schweckhorst ist zufrieden. „Jetzt wartet das Pferd auf den Reiter und nimmt sich Zeit zum springen.“ Und siehe da: In gleichmäßigem Rhythmus kommen Pferd und Reiter passend zum Kreuz.

Der Hengst Quantity ist von sich aus motiviert
und galoppiert
schon von Beginn an fleißig
vorwärts.
Am Oxer dann aber das gleiche Problem. Quantity lässt sich schlecht kontrollieren. Wieder soll Franz Gruber den Hengst vor dem Hindernis anhalten, ein paar Tritte rückwärts richten, loben und abwenden. Ein paar Mal wiederholt er das Spielchen, wendet links ab, wendet rechts ab. Dann lässt er ihn auf einmal weitergaloppieren. Im gleichmäßigen Rhythmus zum Oxer und springt. „Das war gut“, ruft der Trainer. „Genau das ist wichtig. Nämlich, dass der Reiter mitdenkt und fühlt, wann der passende Zeitpunkt ist zum Sprung zu reiten.“
Etwas runder soll Quantity nun noch zwischen Stange und Oxer bleiben. Noch harmonischer. Sein 22-jähriger Reiter findet einen Kompromiss. Ein Galoppsprung weniger, dafür ein gleichmäßiges Tempo. Das gefällt Pollmann-Schweckhorst gar nicht. „Die Parcoursbauer machen es einem nicht leicht. Man muss variieren können zwischen vorwärts und rückwärts.“ Also aufnehmen und solange üben, bis das Pferd nicht mehr hektisch wird und die Anlehnung bis zum Sprung bestehen bleibt.
Was aber, wenn die Distanz im Parcours nicht passt? Lieber vorwärts, lieber rückwärts oder gar abwenden? „Abwenden auf keinen Fall. Das ist keine Option fürs Turnier. Wenn ich das Pferd vor mir habe, sollte ich lieber auf groß reiten. Wenn es sowieso kleiner galoppiert, dann ist es besser zu warten.“ Das entscheide ich aber individuell. Die Waage zwischen vor und zurück muss gehalten werden. Der letzte Weg des Trainings führt Quantity in den Parcours. Nicht Steilsprung, Oxer oder Triplebarre bestimmen den Absprung, sondern die Dynamik des Pferdes. Wir erinnern uns an den Flitzebogen. Den hat Franz Gruber jetzt gespannt. Gelassen und flüssig springt der Hengst. Am Ende etwas eilig. „Die letzte Passage noch einmal.“ Alois Pollmann-Schweckhorst gibt sich nicht mit halben Sachen zufrieden. „Das Entscheidende ist, mit dem Pferd gemeinsam ein Tempo zu erarbeiten, das beiden gut liegt. Das braucht Zeit.“
Der richtige Absprung? Der findet sich also von alleine, wenn der Rhythmus stimmt und die Motivation des Pferdes kontrollierbar ist. Alois Pollmann-Schweckhorst hat den Ehrgeiz seiner Pferde übrigens im Griff. Auf dem Berufsreiterchampionat in Bad Oeynhausen hat er es wieder bewiesen. Sieger mit Chacco Blue im Großen Preis.
von Sarah Schnieder

Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im niedersächsischen Mühlen. Der 44-jährige Pferdewirtschaftsmeister ist für die Sport- und Zuchtpferde auf der Anlage von Paul Schockemöhle zuständig. Die nächste Generation im Hause Pollmann-Schweckhorst ist ebenfalls mit dem Pferdevirus infiziert: Tochter Lena reitet bereits erfolgreich im Ponysport und profitiert von Papas Erfahrung.
Alois Pollmann-Schweckhorst über …
… Sitzgeschichten: „Durch einen abwartenden, ruhigen Sitz kann ich die Bewegung des Pferdes um eine Hundertstel oder sogar um eine zehntel Sekunde verzögern.“
… Gefühlssachen: „Das Entscheidende in den Distanzen ist, nicht nur die Anzahl der Galoppsprünge zu zählen, sondern wie ich diese reite, um es für das Pferd passend zu machen.“
… Talentfragen: „Es gibt ein paar Talente, die haben ein optimales Gefühl für Distanzen. Sie schaffen es auch, mit einem nicht so durchlässigen Pferd immer passend zu reiten.“.
