Quelle: RRP 6/2009
Editorial: Fass ohne Boden

Ilja Waßenhoven
Chefredakteur
Jedes Jahr treffen sich die Delegierten der Bereiche Sport, Zucht und Persönliche Mitglieder der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) zu ihrer Jahrestagung. Alle vier Jahre werden dabei das Präsidium, die Vorstände sowie Ausschüsse und Beiräte neu gewählt. So auch 2009: Eigentlich waren sie alle nach Nürnberg gekommen, um an der Mitgliederversammlung der FN teilzunehmen, zu wählen und an dem Zukunftskongress mitzuwirken, der einen nicht unerheblichen Teil des Programms ausmachen sollte. Doch dann stand plötzlich etwas ganz anderes im Vordergrund…
Gleich nach der Ankunft im Tagungshotel konnte man spüren, dass etwas in der Luft lag. Und spätestens nach dem zweiten, dritten Gespräch wusste man: Hier ist etwas Außergewöhnliches passiert. Kurze Zeit später dann die Gewissheit: Acht Monate nach den Olympischen Spielen in Hongkong – und kurz nach der Verurteilung von Christian Ahlmann wegen Dopings seines Pferdes Cöster – sollte ein weiterer Fall unerlaubter Medikation die Medien beschäftigen. Nach eigener Aussage des deutschen Reiters Marco Kutscher soll dessen Pferd Cornet Obolensky in Hongkong zur optimalen Regeneration nach der ersten Runde im Nationenpreis mit Lactanase und Arnika behandelt worden sein – allerdings ohne dies ordnungsgemäß anzumelden. Nach Angabe des deutschen Mannschaftstierarztes Dr. Björn Nolting „nahm die Pflegerin ohne Rücksprache und völlig voreilig die Behandlung vor, bevor ich die erforderliche Freigabe für eine Injektion einholen konnte“. Nach einem kurzzeitigen Schwächeanfall des Pferdes habe man sich dann aufgrund des herrschenden Trubels entschieden, Stillschweigen zu bewahren.
Die meisten Anwesenden in Nürnberg reagierten nach Bekanntwerden des Vorfalls mit Kopfschütteln und Unverständnis. Da arbeitet die FN, allen voran DOKR-Geschäftsführer Reinhard Wendt, gemeinsam mit Reitern, Trainern, Pferdebesitzern, Tierärzten und Offiziellen seit Jahren intensiv an einem Konzept gegen verbotene Medikation und Doping – und dann das! „Sind die Beschuldigten nun dumm oder kriminell?“ war eine Frage, die am Rande der FN-Tagung häufig zu hören war. Keine unberechtigte Frage. Denn ist es wirklich so schwer, sich an einige, klar festgelegte und in jeder Besprechung wieder und wieder bekräftigte Regeln zu halten?
In Nürnberg wurde intensiv diskutiert und debattiert. Zum Abschluss der Tagung haben alle anwesenden Vertreter der Sport-, Zucht- und Anschlussverbände der FN-Führung ihr Vertrauen ausgesprochen und sie darin bestärkt, den eingeschlagenen Weg zur kompromisslosen Sicherstellung fairen Leistungssports unbeirrt fortzusetzen und Manipulation nicht zu tolerieren. Dabei muss die optimale medizinische Betreuung zum Wohle der Pferde gewährleistet bleiben, wobei auch hier weiterhin der Grundsatz gelten muss, dass nur gesunde Pferde an Wettbewerben teilnehmen dürfen. Niemand, der in Hongkong nicht selbst dabei war, kann beurteilen, was sich dort genau zugetragen hat und wie die Situation zu beurteilen war. Sich eine solche Beurteilung dennoch zuzutrauen ist anmaßend. Doch wie so oft sind diejenigen, die am lautesten nach rollenden Köpfen rufen in der Sache am schlechtesten informiert.
Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe war noch nicht bekannt, wer im Fall „Cornet Obolensky“ Fehler gemacht hat und wer nicht. Niemand kann derzeit sagen, ob das nun der letzte Fall war, oder was uns noch alles erwartet. Man hat den Eindruck, es handelt sich um das sprichwörtliche Fass ohne Boden. Eines steht jedoch fest: Egal ob Absicht oder Fehlmanagement, der Reiter ist und bleibt die verantwortliche Person. Er hat die Verantwortung für sein Pferd und sich selbst und nur er kann und muss sicherstellen, dass alle Regeln eingehalten werden. Das ist im Übrigen nicht nur bei internationalen Championaten so. Auch bei nationalen Turnieren in Deutschland – egal welcher Größenordnung – ist der Reiter derjenige, der für die Einhaltung der Regelwerke verantwortlich ist. Und nur er wird im Falle einer Regelverletzung zur Verantwortung gezogen. Es wird Zeit, dass wir alle uns dessen noch mehr bewusst werden.
Ilja Waßenhoven
Chefredakteur
