Quelle: Pferdesport International Heft 25/2009, Leitartikel von Stephanie Sieckmann, Chefredakteurin
Fluch(t) der Leistung

Chefredakteurin
Stephanie Sieckmann
Vermögende und leistungsbereite Pferde sind gefragt wie nie. Spitzenpferde werden händeringend gesucht, und gelten auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten als zuverlässige Portemonnaieöffner. Was ist passiert, das Deutschland, der Hochburg der erfolgreichen Sportpferde, die Top-Pferde auszugehen scheinen?
Der Trend, in der Zucht vermehrt auf Rittigkeit zu setzen, hat zu einer Steigerung der Nachfrage im Bereich guter bis sehr guter Reitsportler geführt. Nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland. Folge: Rittigkeit wurde zur obersten Prämisse erhoben. Sie sicherte den Züchtern das Auskommen mit dem Einkommen. An und für sich kein Problem. Nur, das nötige Geld für gute Pferde ist auch dort vorhanden, wo die reiterlichen Fähigkeiten nicht zu hause sind. Das gewünschte Pferd ist hier entsprechend selten der Kracher mit Chuzpe und Biss, sondern eher ein umgänglicher Hengst in moderner Jacke, sanft unter dem Reiter und leichtfüßig in Viereck und Parcours. Pflegeleicht und eindrucksvoll, so dass auch schwächere Reiter mal mit einer Medaille nach Hause kommen.
Neben Eltern, die dem talentierten Nachwuchs einen angemessenen Sportpartner zur Verfügung stellen wollen, reihen sich die vom Erfolg beseelten aber unrealistischen Verwandten ein, die Pferde kaufen. Und wenn Lieschen Müller es nicht schafft den hochtalentierten jungen Hengst sicher durch den S-Parcours zu pilotieren, wird auf einmal an der Rittigkeit der Pferde gezweifelt, statt klar zu stellen, dass Lieschen vielleicht mit einem lieben Wallach im M-Springen besser aufgehoben wäre. Leistungsblut gehört in fähige Hände. Schließlich nützt moderne Leichtbauweise nichts, wenn der Motor nicht zündet. Und längst nicht jeder, der es sich leisten kann, schafft es einen Formel-1-Wagen mit Tempo 200 durch die Kurven zu lenken.
Die Erwartungshaltung mancher Kunden, das optimal gezogene Pferd werde den Reiter schon mehr oder weniger automatisch nach vorne, an die Spitze des Sports bringen, sollte allerdings von Züchtern nicht als Ansporn aufgefasst werden, weiterhin der Rittigkeit den Vortritt zu lassen. Denn nicht für jeden Reiter kann man das geeignete Pferd produzieren.
Wichtig ist, wieder ins Bewusstsein zu rufen, was ein Spitzenpferd ausmacht.
Ein herausragendes Sportpferd hat ein Kämpferherz, in der Herde einen hohen Rang und zeigt sich leistungsbereit unter dem Sattel. Die richtige Einstellung muss vorhanden sein, dazu gehört Kampfbereitschaft, Leidenschaft, ein starker Wille – aber es ist klar: Ein solches Pferd kann durchaus unter dem Reiter mal austesten, was möglich ist. Und ist deshalb noch lange kein schlechtes Pferd. Liest man Porträts erfolgreicher Pferde, entdeckt man: Häufig sind Pferde mit Spitzen-Veranlagung und der richtigen Einstellung zunächst schwierig. Erst wenn sie „ihren“ Reiter gefunden haben, stellt sich der Erfolg ein. Vorher wechselt so mancher Top-Kracher von Spitzenstall zu Spitzenstall. Für Spitzensportler bei weitem kein Grund die Rittigkeit über alle anderen Eigenschaften zu stellen.
Wir haben rittige Pferde – in allen bedeutenden Zuchtgebieten unseres Landes. Die Zucht der letzten Jahre und Jahrzehnte hat dafür Sorge getragen. Jetzt ist es an der Zeit den Stellenwert dieser Eigenschaft wieder auf das rechte Maß zurück zu rücken. Die Balance muss gefunden werden. Eine große Aufgabe für die Züchter, die mehr Mut zu Leistungsblut fordern.
Herzlichst Stephanie Sieckmann, Chefredakteurin
