Quelle: Pferdesport International, Fotos: Hellmann
Zwischen Doping und Medikation

Diskutierten über die Problematik auf dem Podium:
(v.l.) Turnierveranstalter Volker Wulff, ARD-
Reitsportkoordinator Axel Balkausky, DOKR-Chef
Reinhard Wendt, Moderator Ulrich Bäder, ARD-
Reitsportjournalist Hartmann von der Tann, der
künftige Bundestrainer Otto Becker und Prof. Dr.
Manfred Kietzmann, Pharmakologe an der Tier-
ärztlichen Hochschule Hannover.
Einen der Anlässe für das „Kamingespräch“ bot die Drohung der Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender, aus der Reitsportübertragung auszusteigen, wenn der Springsport die Dopingproblematik nicht in den Griff bekommt. Dass nicht gleich so scharf geschossen wird, machte ARD-Reitsportkoordinator Axel Balkausky deutlich: „Es gibt kein Ultimatum, aber wir schauen uns genau an, was passiert. Wir sind nicht da, um abzuschalten, sondern um zu berichten.“ Balkausky unterstrich die Forderung nach Transparenz und Sauberkeit gegenüber der Öffentlichkeit.

Prof. Dr. Manfred Kietzmann
Prof. Dr. Manfred Kietzmann, Pharmakologe an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, warf der FN vor: „Sie haben zu spät reagiert – aus Loyalität mit den Aktiven.“ Kietzmann definierte: „Doping ist trickreiches Betrügen und verbotene Medikation ein unglücklicher Begriff.“ Man könne nur von notwendiger Medikation sprechen, aber dann benötigt das Pferd eine Rekonvaleszenzzeit und habe im Wettkampf nichts zu suchen.
Kietzmann räumte auch mit dem Schlagwort „Nulllösung“ auf. Sie bedeute lediglich, dass eine Substanz nicht nachweisbar sei. „In der Biologie gibt es keine Null, und entsprechend kann es bei der Frage der Medikamentierung wiederum keine 100-prozentige Sicherheit geben.“ Die FEI habe jedoch Regeln aufgestellt, die die Aktiven in vermeintlicher Sicherheit wiegen, in seinen Augen jedoch „Wischiwaschiregeln“ seien. Problematisch seien die unterschiedlichen ermittelten Grenzwerte bei den Labors. „Wir haben hier eine riesige Diskrepanz, es gibt Länder, die wollen keine positiven Fälle.“ Das heißt, was in dem einen Labor als negativ gestestet wird, kann in einem anderen Land positiv sein. Von der FEI, wie auch von der FN fordert der Pharmakologe klare Unterscheidungen. Beispiel: Ein Pferd zeiht sich bei Zugluft eine leichte Bindehautentzündung zu. Das verabreichte Medikament wirkt rein lokal und hat keinerlei Auswirkungen auf den gesamten Organismus des Pferdes. „Es muss eine Liste erstellt werden, die alle unbedenklichen Medikamente enthält“, so Kietzmann.

160 Gäste waren der Einladung zur Podiums-
diskussion nach Hagen gefolgt und nahmen so
manche interessante Informationen mit nach
Hause.
Dass die Spitzenreiter heutzutage ob der Fülle von Top-Turnieren quasi dazu verleitet werden, ihre Pferde ständig unter Medikamenteneinfluss fit zu halten, ist ein Märchen. Otto Becker, Bundestrainer in spe, und DOKR-Chef Reinhard Wendt informierten über eine mehrjährige Auswertung der Turniereinsätze von 60 Spitzenpferden, die klar besagt: Die besten Athleten wurde im Schnitt einmal pro Monat auf einem Turnier eingesetzt. Wendt: „Das ist verantwortungsbewusstes Handeln.“ Und Otto Becker fügte hinzu: „Das ist weniger, als wohl jeder erwartet hat.“ Gleichwohl sieht Reinhard Wendt das Problem der vertraglichen Bindung zwischen Reiter und Veranstalter.

Ullrich Kasselmann (li.) erwies sich wie gewohnt
als brillianter Gastgeber.
Vertrauen gewinnen
Wendt unterstrich nachdrücklich die Position und den Weg, den die FN bereits eingeschlagen hat und auch konsequent fortsetzen will. „760.000 Reitervereinsmitglieder verstehen nicht, was im Spitzensport los ist.“ Damit das Vertrauen zurückkehrt und der Sport wieder glaubwürdig ist, hat die FN bereits etliche Sofortmaßnahmen beschlossen. Dabei werde sich der deutsche Dachverband auch nicht von der Haltung im Ausland oder des Weltverbandes FEI beeinflussen lassen. So soll das Kontrollnetz im Springsport enger und das Strafmaß nicht nur ausgeschöpft, sonder sogar verschärft werden. Stewards sollen eine noch bessere Ausbildung erhalten. Wendt erklärte jedoch auch, was in der Vergangenheit bereits getan wurde: „Auf Turnieren werden rund 50.000 Pferdekontrollen vorgenommen. Die FN gibt 480.000 Euro für Dopingkontrollen und wissenschaftliche Untersuchungen aus.“

Noch gut vier Wochen, dann sind sie offiziell im
Amt: Bundestrainer Otto Becker und seine rechte
Hand Heinrich-Hermann Engemann (li.)
Wulff regte eine neue Kategorisierung von Turnieren an. Die Zahl der Sterne hängt derzeit von einigen Auflagen der FEI und der Höhe des Preisgeldes ab. „Das ist unbefriedigend. Mit der Höhe des Preisgeldes ist nicht alles ausgesagt. Die FEI müsste andere Kriterien heranziehen wie beispielsweise die Unterbringung der Pferde.“
