Quelle: Reiter Revue 09/2006, C. Höchstetter
Vielleicht bin ich zu kritisch
George Theodorescu will Ballett in deutschen Reithallen. Was Dressur mit Tanz und Reitenlernen mit Horsemanship zu tun hat, verrät der alte Meister. Anlass für seinen Auftritt ist die neue Lehr-Serie von Frank R. Henning, die durch Deutschland touren wird und altes Wissen aktuell macht.
"Bis zu einem bestimmten Punkt kann man Horsemanship lernen", behauptet George Theodorescu, der auf seinem Gestüt Lindenhof in Sassenberg lebt. 2005 wurde der 80-Jährige von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung zum Rittmeister ernannt. Dabei ist er schon immer eine Größe in der Pferdeausbildung gewesen. Deshalb macht Theodorescu den Auftakt zur Lehrveranstaltung "Horsemanship - gestern und heute". Was der Begriff "Horsemanship" für einen wie George Theodorescu bedeutet? Auf die Frage findet der 80-Jährige erst einmal Redensarten, die er in einem langen Gespräch mit Leben, Erinnerungen und eigenen Geschichten füllt.
Jede Erzählung gibt eine Idee, was hinter Horsemanship wirklich steckt. Horsemanship ist in erster Linie ein Anglizismus. "Früher hat man gesagt, wer mit Pferden gut umgeht, der ist ein Pferdemann oder eine Pferdefrau." Horsemanship ist nämlich keineswegs eine Erfindung von amerikanischen Trainern. Das gab es schon immer, und zwar dann, "wenn zwischen Pferd und Reiter eine Freundschaft besteht."
Freunde verstehen sich blind
Theodorescu erkennt das daran, wie jemand mit dem Pferd umgeht. Gute Freunde verstehen sich ohne Worte und ohne viele Gesten. Deshalb sind unsichtbare Hilfen des Menschen im Sattel schonmal das, was Theodorescu sich von einem Pferdemenschen als Freundschaftsbeweis wünscht. "Das ist gutes Reiten." Horsemanship ist Reiten lernen wollen. Zwei Lebewesen, die sich völlig unterschiedlich bewegen, sollen ein gemeinsames Gleichgewicht finden. Das ist schwerer, als wenn ein Seiltänzer einen zweiten Menschen auf seinen Schultern trägt", vergleicht der alte Meister. So muss der Reiter lernen, ausbalanciert zu sitzen und das Pferd muss lernen, im Gleichgewicht zu sein und seine Hinterhand zu gebrauchen, um den Reiter zu tragen. "Ins Gleichgewicht bekommen wir das Pferd, wenn wir viele halbe und ganze Paraden reiten. Dann nehmen die Hinterbeine Last auf und das Genick ist automatisch der höchste Punkt. Das Pferd soll nicht wie ein krummbeiniger Arbeiter einen schweren Sack mit krummen Beinen schleppen. Es soll tanzen." Das dauert. Aus den Anweisungen der Reitlehre soll irgendwann Kunst werden. Horsemanship ist Reitkunst.
Lernen vom Ballett
Theodorescu erinnert sich an einen Ballettabend in England, eine russische Ballerina pirouettierte "mindestens 30 Mal auf der Zehenspitze. Wir konnten nicht mitzählen. Nach dem langen Applaus kam sie nochmal vor den Vorhang und drehte sich 28 Mal auf der anderen Zehenspitze. Diesmal haben wir mitgezählt!" Hinter solch tänzerischer Leichtigkeit steckt viel Arbeit. Theodorescu ist von Tanz und Musik begeistert. Vielleicht hat Horsemanship sogar etwas mit Musikalität zu tun, in jedem Fall etwas mit Taktgefühl - in jeder Beziehung. Denn Takt ist Natur und der Grundstock der Skala der Ausbildung. Theodorescus Tipp: "Beobachten Sie doch mal die Pferde auf der Weide, wenn die miteinander spielen oder kämpfen. Dann bewegen sich manche in einer wunderschönen Passage."
Meister über Horsemanship
Frank R. Henning initiierte eine neue Lehr-Veranstaltung. "Die alten Meister. Horsemanship - gestern und heute". Dazu lädt Henning große Namen aus dem Reitsport in Deutschlands Reithallen ein. Dort sprechen die bekanntesten Ausbilder über ihre langjährigen Erfahrungen im Reitsport und in der Ausbildung von Pferden. Sie zeigen Videos von beispielhaften Ritten und geben im zweiten Teil live Reitunterricht und schöpfen aus ihrem großen Wissen. Für die neue Reihe lädt Henning unter anderem ein: Klaus Balkenhol, Jean Bemelmans, Johann Hinnemann, Hans Heinrich Isenbart, Heinrich-Wilhelm Johannsmann, Norbert Koof, Herbert Meyer, Margit Otto-Crepin, Holger Schmezer, Dr. Uwe Schulten-Baumer, George Theodorescu, Hugo Simon, Hendrik Snoek, Christine Stückelberger, Hans Günter Winkler ...
Auf Augenhöhe bleiben
Die Natur-Passage wirkt, "weil das Pferd stolz ist. Das sieht man auch so in einem guten Grand Prix. In einer schlechten Vorstellung nicht. Aber man darf Pferde nicht degradieren." Damit spielt er auch auf Hilfsmittel an. Schlaufzügel etwa sind bei ihm verboten. "Das Pferd ist das einzige Tier, mit dem der Mensch auf Augenhöhe ist. Da kann ich doch seinen Kopf nicht zwischen die Vorderbeine ziehen?" Für Theodorescu sind derartige Mittel ein Sakrileg, ein Frevel. "Gymnastizieren? Ja, das tue ich auch. Aber anders."
Ein Holzpferd mit Schrauben
Es gibt für Theodorescu eine Hierarchie der Beweglichkeit im Pferdekörper. "Stellen Sie sich ein Holzpferd mit Schrauben vor", malt er einen Vergleich. "Wenn ich das Genick locker schraube und das Maul fest mache, habe ich ein Problem: Dann zieht es die Nasenlinie mit jeder Parade hinter die Senkrechte." Horsemanship ist logisches Denken. So denkt er logisch zurück und erinnert sich an die alte Dressuraufgabe S 42: "Grüßen, im Mitteltrab mit den Zügeln in einer Hand", das ist für Theodorescu ein Beweis für gutes Reiten. "Warum es das nicht mehr gibt? Weil in den Prüfungen keine Zeit mehr für solche Lektionen ist." Das bedauert er. "Horsemanship ist Zeit haben und sich Zeit nehmen." Er selbst nimmt sich Zeit. Der 80-Jährige sitzt - wenn er zu Hause ist- jeden Morgen um sieben Uhr im Sattel von Balagur. Balagur stand vor über sechs Jahren noch acht Stunden im eisigen Regen vor einem sibirischen Fußballstadion. "Er war Polizeitpferd, bis mir jemand ein Video von diesem Pferd geschickt hat." Heute trainiert Theodorescu den Schimmelhengst und seine Reiterin Alexandra Korelowa aus dem sibirischen Nishni Nowgorod. Balagur ist ein Orlow-Traber - weder groß, noch typisches Dressurpferd. Aber unter dem Sattel fängt er an zu tanzen, wird ein ganz großes Dressurpferd - und er ist so intelligent." Horsemanship bedeutet, die Intelligenz der Pferde zu fordern. Die Persönlichkeit der Tiere zu achten. Und selbst bescheiden zu bleiben. "Entweder die Leute haben Spaß am Pferd oder sie sollen es lassen. Ich jedenfalls passe auf, dass es meinen Pferden und meinen Hunden gut geht", sagt der Pferdemann und erzählt von seinem Rottweiler, der gerade auf seinen Füßen liegt, vom Greyhound, vom Terrier seiner Tochter und von der Bulldogge seiner Frau Inge. Die tierischen Lieben eines Pferdemanns.
