Henning Reitevents - www.henning-reitevents.de

Quelle: PferdeSport International, Henriette Senden

Mit Pferden in ständigem Dialog


Ein Piaffe-Passage-Künstler: das
einstige russische Polizeipferd Balagur
unter seiner Reiterin und Theodorescu-
Schülerin Alexandra Korelova.

Serie: Deutsche Dressurausbilder

George Theodorescu. „Mein bester Freund“ antwortet George Theodorescu auf die Frage, was ihm ein Pferd bedeutet. Dass das keine leeren Phrasen sind, lebt er täglich auf seinem Lindenhof in Sassenberg, wo in vielen Dingen bewusst auf neue Technik verzichtet wird. Der gebürtige Rumäne führte Tochter Monica zu dreifachem olympischen Teamgold und die Russin Alexandra Korelova zur EM- und WM-Teilnahme.

Auf einen Pfiff spitzt Schimmel Balagur die Ohren, schreitet zielstrebig auf George Theodorescu zu. Der Orlowtraber, der für seine Piaffen schon die Zehn erhalten hat und kürzlich die Kür von Braunschweig gewann, weiß genau, dass er nun ein Leckerchen bekommt. Lob ist dem 2005 als Reitmeister ausgezeichnetem Pferdemann George Theodorescu wichtig: „Man muss mit dem Pferd ständig kommunizieren, eine Verbindung aufbauen, einen Dialog führen. Das geht nur über Vertrauen“, sagt der 82-Jährige, dessen Leben komplett den Pferden gewidmet ist. Ein bisschen mag es den Besuchern des Lindenhofs wie eine Zeitreise erscheinen, wenn sie beobachten, wie die Pferde dort betreut werden. Selbsttränken sucht man vergebens, denn Theodorescu will, dass die Vierbeiner so viel Kontakt wie möglich zum Menschen haben, also auch von Hand getränkt werden. Ebenso sind die Futterkrippen so angebracht, dass der Pfleger die Box zum Füttern betreten muss und dabei noch mal das Pferd berührt. Anstelle einer Führmaschine werden die Pferde nachmittags an der Hand spazieren geführt. Denn eine schnelle, anonyme Abfertigung der Pferde ist auf dem Lindenhof tabu.

Am Waldrand gelegen, bietet die Anlage einem Teil der Pferde hölzerne Außenboxen. Sie blicken direkt auf ein mit weißen Zäunen arrondiertes Rasen-Rondell, an dessen Stirnseite das Wohnhaus liegt. Im Haus dominiert das Pferd ebenfalls in Form von antiquarischen Bildern, Fotografien einer besonderen Erfolgskarriere und selbstverständlich Pokalen, Trophäen und Medaillen von internationalen Turnieren und Championaten. Die Regale sind voll von Pferdebüchern, und nur der Kaminsims wird von andren Tieren gestalterisch durchbrochen: Greyhounds – in Öl gezeichnet, als Bronzestatue sitzend, rennend oder stolz stehend. Daneben liegt ein echter Greyhound. Theodorescus Hündin Tigra verbringt ihre Zeit im Haus am liebsten auf dem Ohrensessel, während die Bulldogge Fru Fru von Ehefrau Inge Theodorescu lieber im Körbchen schläft. „Als wir hier einzogen, war das Haus ein Bungalow. Wir haben es erweitert und die Decken teilweise erhöht. So haben wir mehr Licht und ein großzügigeres Wohngefühl“, erklärt Theodorescu, der den Lindenhof 1978 von einem Tierarzt übernahm, der dort Galopper trainierte.

Der Heimat den Rücken gekehrt


Idyllisch am Waldrand gelegen: die Anlage
Theodorescu, die den Pferden Außenboxen
und Weiden bietet.
Viel Mut war nötig, dass Theodorescu in Deutschland leben konnte. Denn in seiner Heimat Rumänien kam er mit dem kommunistischen Regime nicht zurecht. 1956 startete er noch für Rumänien bei den Olympischen Spielen in Stockholm, drei Jahre später kehrte er vom CHIO Aachen nicht mehr zurück. 31 Jahre alt war er da. „Mein Pferd Palatin – in Staatsbesitz – reiste mit dem Pfleger zurück, ich bin in Deutschland geblieben. Ich war gegen das herrschende System in Rumänien, gegen den Kommunismus, wollte dort nicht mehr weiter leben“, erzählt er. Direkt nach Warendorf ans DOKR zog es ihn, wo er als Bereiter begann. Ein Flüchtling aus dem Osten, der sich schnell einen eigenen Namen aufbaute und an seine internationalen Erfolge anknüpfen konnte. Bald lernte er Inge Fellgiebel kennen, in erster Ehe verheiratet mit der Springsport-Legende Hans Günter Winkler und Tochter des Landstallmeisters Hans Fellgiebel. Auch sie ritt sehr erfolgreich, anfangs mehr Springen als Dressur, beides international. 1972 nahmen sie zusammen an der berühmten Münchener Olympiaquadrille teil, in der die Reitsport-Elite der damaligen Zeit vertreten war, unter anderen Josef Neckermann, Dr. Reiner Klimke, Lieselotte Linsenhoff, Willi Schultheis, Bubi Günter. Die Leitung oblag George Theodorescu. Die Quadrille schlug so gut ein, dass die Reiter ein Jahr später auch in Amsterdam auftraten.

1978 erwarben Theodorescus den Lindenhof in Sassenberg bei Warendorf. 45 Pferde stehen dort und die zweite Box rechts neben dem Haus bewohnt noch immer Grunox. Auf dem auffälligen Fuchs mit silbernem Langhaar holte Tochter Monica 1992 und 1996 Teamgold bei den Olympischen Spielen in Barcelona und Atlanta. Auch Monicas erstes Olympiapferd Ganimedes – sie war 25 Jahre, als sie mit ihm in Seoul Teamgold holte und im Einzel Sechste wurde – verbrachte bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr seinen Lebensabend auf dem Lindenhof. Heute ist es der neunjährige Whisper, dem die Hoffnungen der Theodorescus gelten. Der Welt Hit IO-Sohn siegte im renommierten Nürnberger Burgpokal 2005 und gewann in Dortmund gerade seinen ersten Grand Prix Special. „Er ist immer fröhlich und im Umgang wie ein Hund. Whisper hat sehr viel Potenzial und keine Schwierigkeiten. Mit ihm lautet mein Ziel ganz klar, wieder in die Mannschaft zu kommen“, erzählt Monica Theodorescu, die den Wallach von Ann Kathrin Linsenhoff zur Verfügung gestellt bekommt.

Internationales Publikum

Dabei unterstützt sie der Vater nach wie vor. Jeden Tag verbringt er bis mittags am Dressurviereck, steht bei A oder C am Rand und kommentiert in knappen präzisen Anweisungen. International sind seine Schüler, regelmäßig kommen neben Alexandra Korelova zwei weitere Russen, mal fährt ein niederländischer Hänger vor, Tschechen hat er auch trainiert, eine schwedische Workingstudentin wirkt mit im Stall. Auch Monica gibt neben dem Training ihrer Pferde, wie der siebenjährigen Fidermark-Tochter First Love oder der sechsjährigen Holsteinerstute Charisma von Claudio Son, viel Unterricht. Von ihrer rappfarbenen Grand Prix-Stute Renaissance, die mit 14 Jahren aus dem Sport genommen wurde, hat sie nun den ersten Nachkommen, einen vierjährigen Tuareg-Sohn namens Tatoo, unter dem Sattel.

Seine Liebe zu den Pferden kann George kaum verbergen, aber warum sollte er auch? Besonders schätzt er sie, wenn sie intelligent sind. So wie Balagur, erst Trabrennpferd, dann Polizeipferd, das oft stundenlang bewegungslos in der Kälte vor Fußballstadien stehen musste, und schließlich international erfolgreiches Grand Prix-Pferd. „Mir wurde von ihm erzählt, aber ich wollte nicht wegen einem Pferd bis fast nach Sibirien reisen. Also bekam ich ein Video, worauf ich erkennen konnte, dass er die Wechsel nach links sprang, nach rechts nicht. Ich dachte, das ist ein Kommunist, aber er strahlte so viel Intelligenz und Persönlichkeit aus, dass ich ihn sehen wollte“, erzählt der Pfeiferaucher und Rotwein-Liebhaber.

 

Mizzi, erstes eigenes Pferd

Sein erstes eigenes Pferd bekam er mit fünf Jahren von seinem Großvater. Bevor er reiten durfte, musste er es jedoch schaffen, die Schimmelstute Mizzi in wenigen Tagen so auf ihn zu prägen, dass sie auf Zuruf überall her zu ihm kam. „Zäune gab es damals kaum, die Pferde lebten frei und die größte Schande eines Mannes war, wenn er zu Fuß ohne sein Pferd vom Ausritt zurückkam. Jeden Tag saß ich also mehrere Stunden bei Mizzi, beschäftigte mich mit ihr, gab ihr Karotten und Zuckerstücke. Nach kurzer Zeit kam sie auf Pfiff.“ Das war der Moment, ab dem er reiten durfte – ohne Unterricht, denn einen Reitlehrer gab es nicht. Später besuchte er einen Reitverein, wo er auch erste Turniere ritt. Erzählen, das kann George Theodorescu. Am liebsten selbstverständlich Anekdoten aus seinem Reiter- und Trainerleben, aus seiner Welt der Pferde.