Quelle: Reiter Revue 04/2007, Sabine Rieck
Großes Herz fürs große Viereck

Dressur-Bundestrainer Holger Schmezer
Als ehemaliger Dressurtrainer der Junioren und Jungen Reiter wurde er 2000 in das Amt des leitenden Bundestrainers berufen. Er ist der Mann am Viereck und Entscheidungsträger für die deutsche Dressur. Bundestrainer Holger Schmezer über Horsemanship, Beobachtungen auf Turnieren und über seine sportliche Vergangenheit.
Dressur-Bundestrainer zu sein, ist Holger Schmezers Traumberuf. Seine Berufung, wie er selbst sagt: „Es kommt – wie in jedem anderen Beruf – darauf an, was man aus sich macht.“ Schmezer ist kein Mensch, der gerne zurückguckt. Lieber blickt re in die Zukunft. Nahziel für seine Dressurreiter: Die Europameisterschaft Ende August in Turin, Fernziel: Die Olympischen Spiele 2008 in Hongkong. D muss man auf Eventualitäten gut vorbereitet sein alle Möglichkeiten durchspielen, denn Schmezer weiß: „Auch das beste Pferd kann ausfallen.“
Fragt man ihn nach seinen eigenen reiterlichen Erfolgen, nennt er beiläufig den achtfachen Landesmeister-Titel in Niedersachsen, oder die Qualifikation für die Deutschen Meisterschaften. Die wahren Erfolge liegen für ihn woanders. Wirkliche Erfolge sind nicht die, die mit einer Siegerschleife verbunden sind, sondern die persönlichen mit dem Pferd. Wie etwa zum ersten Mal eine Passage zu reiten. „Auf langfristigen Erfolg setzen“ – das ist das Motto, das er seinen Schülern im Unterricht nahe bringen möchte. „Viele Reiter wolle von null bis Grand Prix durchstarten. Sie haben keine Geduld. Der schnelle Erfolg ist für viele wichtiger als der langfristige. Das ist schade.“ So ärgert es Schmezer besonders, wenn er auf ländlichen Turnieren Reiter sieht, die sich mit reiterlichem Unvermögen bereits in eine S-Dressur wagen, statt ein weiteres Jahr in der Klasse M zu starten. „Die Reiter fangen dann auf dem Abreiteplatz 25 Mal eine Pirouette an. Das hatte dann meist schon von Anfang an nichts mit einer Pirouette zu tun.“ Fragt man den 60-jährigen Verdener nach dem Manko junger Reiter, dann kommt wie aus der Pistole geschossen: „Der Begriff Beherrschung fehlt vielen. Gerne schieben junge Menschen immer den Pferden die Schuld zu, statt die Schuld bei sich selbst zu suchen.“
Weniger Ehrgeiz ist mehr
Horsemanship ist für Schmezer, den Pferden und Menschen gegenüber ritterliches Verhalten entgegenzubringen. Damit meint er faires und rücksichtsvolles Verhalten gegenüber Kollegen und Konkurrenten. Nach Dressurausbilder Willi Schultheis, bei dem Schmezer in die Lehre ging, gehört hierzu vor allem die Achtung vor der Kreatur Pferd: „Auch wenn es beim Reiten mal nicht so klappt, sollte man sich beherrschen. Dazu gehört vor allem Geduld.“ Negativ findet der Bundestrainer bei vielen Turnierreitern die falsche Selbsteinschätzung und den Über-Ehrgeiz, der sich dann in der Dressurprüfung zeigt: „Da gibt es oft unschöne Bilder, weil die Reiter die Prüfung oder die Abfolge von Lektionen technisch gar nicht beherrschen.“
Schmezers Wunschdenken ist die vielseitige Ausbildung von Reitern, die nicht erst im Bundesleistungszentrum beginnen sollte: „Ich erinnere mich an junge Kaderreiter, die mir mit einem Leuchten in den Augen in Warendorf erzählten:; Ich bin zum ersten Mal durchs Wasser geritten und über einen Baumstamm gesprungen.' Auch Isabell Werth schnallt gerne mal die Bügel kurz und geht in den Wald. Den Reitern merkt man es eben an, ob sie eine vielseitige Ausbildung genossen haben. Das sieht man beispielsweise daran, wie sie einen starken Galopp in der Dressurprüfung reiten.“

Retter in der Not. Nachdem sich Nadine
Capellmann von Trainer Martin Schaudt trennte,
sprang Holger Schmezer ein.
Schmezer, der Athlet
Vielseitig war auch Schmezers eigene Sportkarriere. Als Sohn eines Marine-Offiziers hat er so ziemlich alle Sportarten ausprobiert, die ihm in der Unteroffiziersschule in die Quere kamen. Egal, ob Judo, Trampolin, Fechten oder Segeln. Vor allem die Leichtathletik zählte zu seinen Stärken. „Ich war Zehnkampf-Meister in Schleswig-Holstein. Zu meinen Glanzzeiten bin ich 100 Meter in 11,1 Sekunden gelaufen. Wenn es mit der Reiterei nicht geklappt hätte, wäre ich jetzt Sportlehre.“ Seine Eltern hätten ihn gerne in der Bank gesehen, da kam ihm das Training für den Modernen Fünfkampf mit 15 Jahren ganz gelegen. Die Sportart, die ihm dafür fehlte, war das Springreiten. Warum Schmezer beim Reiten geblieben ist? „Ich war der Hahn im Korb in einem kleinen Stall voller Mädchen. Alle anderen sind runtergeflogen, aber ich blieb oben. Da wurde mein Ehrgeiz geweckt.“ Dort lief ihm dann auch das Pferd über den Weg, das er nie vergessen wird: Schulpferd Goldmädel. „Mit der Fuchsstute kam ich im Stall einfach am besten klar.“ Später kam er dann zur Vielseitigkeit und zum Springen. „Kurz vor dem Abitur habe ich alles hingeschmissen und mir gesagt: Eine berufliche Chance hat man nur im Dressurreiten.“ Die bekam und nutzte er. Nach der Bereiterlehre und vier Berufsjahren bei Willi Schultheis betrieb er acht Jahre lang einen Privatstall in Thedinghausen. Mit 25 Jahren bekam er das Goldene Reitabzeichen verliehen. 1996 wurde er Bundestrainer der Junioren und Jungen Reiter in der Dressur. Vier Jahre später wurde er leitender Dressur-Bundestrainer.

Lang lang ist's her: Holger Schmezer im Dressur-
sattel auf Ganeff 1992.
Kader statt Kinderdienst
Zwei Tage die Woche ist Holger Schmezer in Warendorf tätig, sitzt im Büro, nimmt an Arbeitskreisen und Ausschüssen teil oder prüft Pferdewirtschaftsmeister. „Ich bin as Prüfer kein harter Hund. Auf die Einstellung der Berufsreiter kommt es mir an. Ich sehe auch das Menschliche.“ Den Rest der Woche klappert er den A- und B-Kader ab, trainiert, spricht und kontrolliert seine Dressur-Schützlinge. Am Wochenende steht er auf Turnieren am Viereck.
Schmezer gesteht: Er saß seit fünf Jahren nicht mehr im Sattel. Obwohl er noch eine achtjährige Trakehnerstute bei Dressurreiterin Carola Koppelmann stehen hat. „Ich muss nicht um fünf Uhr morgens noch meine Runden drehen.“ Das glaubt man ihm sofort, denn sein Job als Papa kommt ohnehin schon zu kurz. Schmezer hat eine 19 Monate alte Tochter. „Olenka ist froh, wenn der Papa mal zu Hause ist.“ Dort erholt sich der Verdener, genießt seine Tochter, macht eine gemütliche Fahrradtour durch Verden oder liest sein Lieblingsbuch: „Das Parfüm“ von Patrick Süskind. „Das ist für mich Entspannung.“
