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Quelle: Reiter Revue 06/2007, Cornelia Höchstetter

„Streichel dein Pferd“

Dressurreiterin Margit Otto-Crépin

Zwischen Respekt und Poesie: Margit Otto-Crépin lebt Horsemanship jeden Tag mit ihren vier Pferden. Und für die ganze Welt als Präsidentin des International Dressage Riders Club.

In Deutschland sagt man: ,Klopf dein Pferd' – in Frankreich heißt es: ,Streichel dein Pferd'.“ Dressurreiterin Margit Otto-Crépin (62) empfindet heftiges Abklopfen des Pferdehalses wie eine Ohrfeige.

Diese Einstellung charakterisiert die Weltcup-Siegerin von 1989 ziemlich gut: Wenn die feinsinnige Wahl-Französin in alten Reitlehren blättert, liest sie am liebsten vom Franzosen General L´Hotte. Seine Sprache und sein Gedankengut ist für sie Muse, Poesie und Inspiration. „Mein Lieblingssatz von ihm zur Pferdeausbildung: ,Das Gleichmaß ist eine Grundbedingung, der Ausdruck des Pferdes ist Luxus'.“ Das ist ihre Lebensweise. Wenn sie erzählt, rutscht immer wieder ein französisches Wort in ihren melodischen Redefluss.

Weltweit etwas verändern

Die gebürtige Deutsche hat einen Franzosen geheiratet und deshalb die Staatsbürgerschaft gewechselt. Heute lebt sie in Hamburg. Bekannt ist sie weltweit: Mit dem Holsteiner Corlandus hat sie 1987 Gold bei der Europameisterschaft und 1988 die Olympische Silbermedaille in Seoul gewonnen, war Vierte ei den Weltreiterspielen 1990 und erritt noch viele Medaillen mehr. Mit der französischen Olympia-Mannschaft holte sie auf dem Schimmel Lucky Lord einen vierten Platz 1996 in Atlanta, in der Einzelwertung den siebten Platz und im Weltcup-Finale einen zweiten Platz hinter Anky van Grunsven mit Bonfire. Neben der täglichen Arbeit mit ihren vier Pferden, die zwischen fünf und zwölf Jahre alt sind, ist Otto-Crépin ehrenamtlich in verschiedenen Reitsport-Gremien tätig, wie der Fachberatungsgruppe des Aachener CHIO und der Arbeitsgruppe, die zuständig für das Verfassen der FEI-Dressuraufgaben ist. Als Präsidentin des International Riders Club (IDRC) tritt sie für die Interessen der Dressurreiter auf der ganzen Welt ein. Zusätzlich ist sie in verschiedenen Ausschüssen des Weltreiterverbandes (FEI). „Diese Arbeit kann eben weltweit etwas verändern.“

Reiter sollen selbst einschreiten

Margit Otto-Crépin war dabei, als es auf dem Workshop in Lausanne um das Thema Rollkur ging. Sie hat bei der FEI mitbeantragt, dass die Stewards, die die Abreiteplätze auf der ganzen Welt beaufsichtigen, besser ausgebildet werden.

Sie hat die „Rules“, also die neuen Regeln mitüberarbeitet. Dieses Jahr hat sie den „Foreign Riders-Report“ mit der FEI auf den Weg geschickt: „Die Reiter haben damit unter anderem die Möglichkeit, die Arbeit der Stewards zu beurteilen und auch selbst zu kontrollieren: Sollte ein anderer Reiter sein Pferd unfair behandeln oder reiten, können, sollen und müssen wir Reiter dagegen einschreiten – notfalls den Steward holen.“

 

Ohne Respekt hätte er Kompott aus mir gemacht

Denn hier greift ihre Vorstellung von Horsemanship: „Gegenseitiger Respekt und Achtung vor der Kreatur.“ Dabei geht sie den Weg zwischen Respekt , Achtung und Förderung der Pferdepersönlichkeit, indem sie versucht, das richtige Maß zu finden, was ihr nicht immer bei ihrem Olympiapferd Corlandus, einem 1,80-Meter großen Holsteiner, gelang: „Hätte der keinen Respekt vor mir gehabt, hätte er Kompott aus mir gemacht“, erzählt sie von dem „lustigen, unendlich starken und ausdrucksvollen Pferd“. Um seine Ausstrahlung zu bewahren, hatte er gewisse Freiheiten. „Ihn dominieren zu wollen missfiel mir, da ich gegen absolute Dominanz bin. Deshalb hatte ich aber auch immer Schwierigkeiten, mit ihm eine fehlerlose Prüfung zu absolvieren.“

Horsemanship ist für sie Verbundenheit durch mentale und physische Kommunikation. Unter physischer Kommunikation versteht sie die Reiterhilfen und die Körpersprache von Pferd und Mensch. Den Begriff der mentalen Kommunikation dehnt Margit Otto-Crépin bis zur Telepathie aus. „Die existiert“, ist sie überzeugt.

Horsemanship ist nämlich auch Verständnis aufbringen und das Pferd zum Mitdenken bewegen: „Ich habe oft den französischen Springreiter Hervé Godignon beobachtet: Beim Training zu Hause hat er seine Pferde immer springen lassen, ohne sie zu unterstützen. Seine Pferde sollten lernen, für sich selbst Verantwortung zu tragen.“


... und beim Vet-Checkfür die
Olympischen Spiele in Atlanta: „Alle
haben mich geneckt wegen des Rockes.“

Nie mit Telefon in die Reithalle

Großes Thema ist Aufmerksamkeit: „Wenn der Reiter 45 bis 60 Minuten reitet, dann schuldet er in dieser Zeit seinem Pferd die komplette Aufmerksamkeit. Nur durch totale Hingabe und Konzentration gibt es eine Kommunikation.“ Also kein Small-Talk oder gar telefonieren. Otto-Crépin nimmt nie ihr Handy mit in die Halle. „Und wenn ich 20 Anrufe in meiner Abwesenheit bekomme!“ Denn Reiten ist ins Pferd hineinhorchen. „Es geht um ein Lebewesen und nicht um ein Instrument.“

Nach der Maxime hat die Olympiareiterin in diesem Jahr für den Holsteiner Verband die Ausbildung der Junghengste für die Hengstpräsentation übernommen. Fasziniert hat sie „dieses Pure, dieses Unschuldige. Das waren noch Babys, diese jungen Pferde.“ Für Otto-Crépin war das Training „wie eine Schule der Bescheidenheit“. Im Vordergrund standen das korrekte und ungezwungene Funktionieren des Körpers, der Bewegungsablauf, die Reinheit der Gänge und ganz besonders die Zufriedenheit. „Die jungen Hengste sollen fröhlich zur Vorstellung kommen, schön fein funktionieren und zeigen, dass das, was sie absolvieren, ihnen auch noch Spaß machte.“

Das wichtigste für die Holsteiner war natürlich auch, dass sie noch springen konnten… was sie in höchster Vollendung gezeigt haben.“