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Quelle: Reiter Revue 07/2007, Cornelia Höchstetter

Ein guter Typ

Reitmeister Jean Bemelmans

Jean Bemelmans erzählt von Dressurpferden auf der Koppel, von Pat Parellis Kindergarten, von Nelson Pessoas Aura und der Krawatte von George Theodorescu.

Nehmen Sie ein Hengstfohlen: Als Absetzer kommt er in die Herde. Schön. Wenn er aber Pech hat, ist er Hengstanwärter. Gewinnt er die Körung, stehen die Bundeschampionate an. Der arme Kerl steht nur noch unter Druck.“, charakterisiert Jean Bemelmans (58) den möglichen Lebenslauf eines Spitzenpferdes. Genau beobachten, besser machen, dem Pferd mit Respekt begegnen, genau wie den Menschen – das ist für ihn Horsemanship.
Bemelmans ist gebürtiger Belgier. Seit 1984 deutscher Staatsbürger. Heute lebt er in Krefeld, ist Nationaltrainer der spanischen Dressur-Equipe und Honorartrainer beim Deutschen-Olympiade-Komitee der Reiterei (DOKR). Er besitzt vier Pferde, reitet zu Hause täglich, wenngleich keine Turniere mehr. Fahrradfahren mag er, „weil ich Spaß am Fit sein habe. Damit schaffe ich mir immer wieder Freiräume.“

„Fehler habe ich auch gemacht“

Solche Freiräume genießen auch seine Pferde. Ausschließlich Box und Reithalle, keine Ausritte im Winter? „Den Fehler habe ich selber gemacht. Dann ist der erste Ausritt im Frühling wirklich gefährlich“, erinnert sich Bemelmans. Gelände, Spazierengehen – das gehört einfach dazu. „Unsere Grand-Prix-Pferde kommen auf die Weide oder auf den Paddock. Regelmäßig, dann toben sie kaum. Selbst wenn sie draußen nur gelangweilt herumstehen: So was braucht die Pferdeseele!“

Bemelmans gibt seine Erfahrungen weiter. Erlebnisse beim Training mit seinen Spaniern, mit Schülern aus der Ukraine, Russland, der Dominikanischen Republik. Und er lernt von ihnen: „Sich über den Erfolg der anderen mitfreuen.“
Unterwegs ist er viel. „Die Welt hat sich sehr verändert. Egal, auf welchem Turnier man in Europa ist, es ist fast ein Zuhause.“ Das Niveau der Reiterei hat sich weltweit angeglichen. „Ich finde das gut, auch wenn das für Deutschland eine größere Konkurrenz gibt.“ Bemelmans sorgt selbst dafür. „In Spanien hatten die Reiter ein Lösungs-Defizit. Sie ritten zu wenig vorwärts-abwärts.“ Lang und tief, bis sich die Pferde an die Hand strecken, die eigene Balance finden und den Reiter tragen. Das ist das alte Wissen von Robert Schmidtke, das heute noch genauso gilt. Schmidtke war Bemelmans prägender Ausbilder – ein Reitmeister aus Hilden.

„Wie die Öl-Kontrolle beim Auto“

Die Dehnbereitschaft fragt Bemelmans in jeder Stunde wieder ab. „Wie die regelmäßige Ölkontrolle beim Auto“, vergleicht er die Notwendigkeit
Bemelmans ist einer, der mal über den Tellerrand des Turniersports blickt. Er kennt den Amerikaner Pat Parelli gut und versteht, was solche Alternativ-Ausbilder schaffen: „Den Menschen die einfachen Dinge beibringen, wie das Beobachten der Pferde.“ Parelli hatte zu ihm einmal gesagt: „Ich mache eigentlich Kindergarten.“ Das überträgt Bemelmans auf die Ausbildung der Reiter. Die soll gründlich sein. Von der Krabbelgruppe über die Grundschule – so Bemelmans Sinnbild. Aber: „Wie viele fangen schon mit der Mittleren Reife an“ Das ist wie ein Haus bauen ohne Keller.“ Die Basis ist: Balance finden, wie sie große Reiter längst gefunden haben. Ein Vorbild ist der Brasilianer Nelson Pessoa: „Als 15-Jähriger habe ich ihn das erste Mal gesehen. Das war eine Aura: Sein Pferd und er – beide haben so einen glücklichen Eindruck gemacht.“ Bemelmans lernte Pessoa kennen. „Er ist sein Leben lang ein guter Typ geblieben, ist mir heute noch ein Vorbild.“ Bemelmans will selbst Vorbild sein. „Dazu gehört auch das Erscheinungsbild. So wie es Theodrescus oder Schulten-Baumer tun: Die sind immer gut gekleidet, mit Krawatte auf dem Turnierplatz. Das hat doch Stil!“
Selbst ein guter Typ sein. „Ich kann alleine nichts ändern, aber ich kann darüber sprechen. Der cleverere Reiter fühlt das und ändert es selbst.“