Quelle: Pferdesport International 16/17 2007, Text und Fotos: Henriette Senden
„Urlaub auf dem Bauernhof“

Johann Hinnemann kann auf zahl-
reiche Erfolge verweisen. Unter anderem
wurde er 1998 „Dressurtrainer des
Jahres“.
Weder in das erste noch ins zweite Schema passt die dritte Kategorie Tier auf dem ehemaligen Bauernhof im rheinischen Voerde: Hunde. Vor allem der Australian Shepard folgte Hinnemann auf Schritt und Tritt, und steigt Herrchen über die kleine Buchsbaumhecke am Dressurviereck, folgt der Hund mit einem elastischen Sprung. Auf dem Viereck passagierten und piaffierten schon prominente Pferdepersönlichkeiten – der Hengstlinienbegründer Rubinstein, sein Sohn und olympischer Bronzegewinner Relevant, der berühmte NRW-Landbeschäler Fidermark, Ulla Salzgebers Olympiapferd Rusty, Coby van Baalens Ferro oder KWPN-Wallach Ideaal. Mit diesem Pferd erzielte Hinnemann seine größten Erfolge, wurde 1986 Team-Weltmeister und gewann Einzelbronze, wiederholte diesen Erfolg ein Jahr später bei der Europameisterschaft in Goodwood.
Zehnmal war er rheinischer Meister, mehrfach Deutscher Meister, und zweimal siegte er im Hamburger Dressurderby. 1996 als Reitmeister ausgezeichnet, war Hinnemanns Trainertätigkeit stets international ausgerichtet. „Heute haben wir hier Schüler aus den Niederlanden und Japan, Deutschland, Amerika und Großbritannien“, erzählt der 58-Jährige. Mit einer 60-er Halle, einem 60-er Außenviereck, einer Rennbahn, Weiden und Winterpaddocks bietet sein Krüsterhof ideale Bedingungen.

Johann Hinnemann und Caroline van
der Linde.
Johann Hinnemann
Landwirt oder Gastwirt
1972 zog Hinnemann mit seiner Frau Gisela auf den rheinischen Vierkanthof seines Großvaters. Was heute mit Stil und Charme einladend glänzt, wurde in mühevoller Arbeit restauriert. „Als wir hier ankamen, war der Hof sehr heruntergekommen und alles andere als schön. Da stecken viele Stunden Handarbeit drin“, erzählt Hinnemann. Landwirt konnte er werden und den Hof seiner Eltern übernehmen oder aber Gastwirt und die Gaststätte von Verwandten weiterführen.
„Ich wollte jedoch schon immer reiten, habe auf den Arbeitspferden meiner Eltern begonnen.“ Später wurde er der erste Lehrling bei Dr. Reiner Klimke. „Da ging für mich ein Traum in Erfüllung“, denkt er zurück. Initialzündung für eine Leben für den Dressursport war ein Schauprogramm, das der junge Hinnemann auf einem Turnier in Düsseldorf sah. „Ich bestritt eine Prüfung auf L/M-Niveau, das war damals eine eigene Klasse. Dort beobachtete ich Karl Balschukat mit seinem Feuerzauber in einem Grand Prix. Es war das erste Mal, dass ich Lektionen wie Piaffe, Passage, Pirouette oder Traversalen sah. Viele konnte ich noch nicht mal aussprechen, aber ich war so fasziniert, dass ich das auch können wollte.“ Hinnemanns Ehrgeiz war geweckt. „Ich bin sehr zielstrebig, vielleicht auch ein bisschen größenwahnsinnig. Mit diesen Eigenschaften habe ich es geschafft, nach oben zu kommen.“

Blick auf ein historisches Hofgebäude
Seine Kinder haben die Passion für Pferde geerbt, Bettina wirk als Tierärztin auf Paul Schockemöhles Zuchtbetrieb in Lewitz, Sohn Stephan führt mit seiner Frau Natalie einen Dressurausbildungsstall im amerikanischen South Dakota. Hinnemanns Frau, die früher Mathematiklehrerin war, zieht es mehr in die Politik, sie war viele Jahre stelltvertretende Bürgermeisterin und wirke im Landtag.

Hinnemann und sein junges Team
„Hengste sind meine Leidenschaft“
Nordrhein Westfalen verbunden ist Hinnemann jedoch auch – seine 1999 eröffnete Hengststation stellt stets auch einige Landbeschäler auf. Denn mit dem Landgestüt in Warendorf pflegt Hinnemann eine enge Zusammenarbeit. Unter seiner Regie wurde Laurentianer mit Michael Farwick Weltmeister der jungen Dressurpferde im Jahr 2000, ehe er mit Marlies van Baalen in den Grand Prix-Sport wuchs.
Die Niederländerin hat bei Hinnemann ihre Ausbildung zur Bereiterin absolviert und kommt wie auch ihre Mutter Coby van Baalen regelmäßig zum Training nach Voerde. Auch das Oldenburger Gestüt Vorwerk schickt seine Hengste mit Tanja Lammers zu Hinnemann.
Auch ein paar eigene Zuchtstuten gehören zu seinem Bestand, der in großen Boxen auf dem historischen Hof lebt. Eine Allee führt dorthin, alte Bäume säumen den Hof, dessen Wohnhaus mit weißen Sprossenfenstern und geschmückten Blumenkästen den Anspruch des Hausherrn verdeutlicht. Auch im Haus zeigen türkisfarbene Sessel vorm offenen Kamin und Antiquitäten, dass dort Wert auf Stil gelegt wird. „Die alten Möbel kommen alle aus Familien-Nachlässen. Das gefällt mir mehr als moderne Elemente.“

Der Krüsterhof in Voerde
Dressurtrainer des Jahres
Fünf Jahre war er Anfang der achtziger Jahre kanadischer Nationaltrainer, wirkte 1997 und 1998 als deutscher Bundestrainer, erhielt 1998 die Auszeichnung Dressurtrainer des Jahres. 2003 und 2004 war er gemeinsam mit Sjef Janssen und Jan Peters niederländischer Teamcoach, seit vielen Jahren engagiert er sich im Internationalen Dressage Trainer Club. Für Lehrgänge steigt er auch ins Flugzeug, Urlaub aber macht er nahezu nie. „Wozu auch? Ich kann doch jeden Tag Urlaub auf dem Bauernhof machen“, sagt er mit einem Augenzwinkern.
So macht´s Johann Hinnemann
Durchlässigkeit ist eine der wichtigsten Elemente in Johann Hinnemanns Arbeit mit Pferden. „Die ergibt sich aus der Losgelassenheit und dem Gehorsam.“ Ein eigenes Buch hat er mit der niederländischen Olympiareiterin Coby van Baalen verfasst, es trägt den Titel „The Simplicity of Dressage“, die Einfachheit der Dressur. Doch bevor Pferd und Reiter in einer Dressurprüfung wahre Harmonie ausstrahlen können, müssen Basisbausteine sitzen und akribisch an kleinsten Elementen gearbeitet werden. Beispiel Geraderichtung: Dazu ist der äußere Schenkel wichtig, und wie überprüft man, ob das Pferd ihn wirklich annimmt? „Durch das Reiten auf dem zweiten Hufschlag, weg von der Bande und das Pferd dabei von hinten nach vorne ans Gebiss heran reiten.“

Die Geraderichtung ist für Hinnemann nach der Skala der Ausbildung die Voraussetzung für ein reelles Erarbeiten der Versammlung. Paraden helfen, das Pferd zurück zu führen. „Dabei muss es jedoch gleichmäßig an beiden Händen zwischen den Schenkeln stehen. Es muss sich selbst tragen und darf im Genick nicht abknicken.“ Als gute Übung zur Erarbeitung der Versammlung sieht Hinnemann das mehrmalige Reiten von Übergängen, beispielsweise vom Galopp zum Schritt. „Diese Übergänge sollen fein geritten werden, die Hand darf nicht zu stark einwirken. Wird das Pferd stark, kann auch mal die Stimme oder aber die Bande als optische Begrenzung genutzt werden.“ Knackpunkt des erneuten Angaloppierens ist das aus aktiver Hinterhand sichere Springen unter den Schwerpunkt.
Erst wenn die Vorbereitung und damit die Basis stimmt, nimmt Hinnemann weitere Lektionen in die Arbeit auf. Beispielsweise im Galopp: Bevor der versammelte Galopp nicht bergauf und in Selbsthaltung gesprungen wird, bleibt der Außengalopp außen vor. Und die langsame Steigerung des Pensums ist Pflicht: Die meisten neuen Lektionen sind für das junge Pferd sehr anstrengend. Deswegen müssen immer wieder Schrittpausen am hingegebenen Zügel in die Arbeit aufgenommen werden. Auch für die Arbeit an Pirouetten muss das Pferd langsam vorbereitet werden, fähig sein, so viel Last aufzunehmen, dass es quasi auf der Stelle in deutlicher Bergauftendenz galoppieren kann. Und dann mit dem einzelnen Reiten von Viertelpirouetten auf die neue Lektion vorbereitet werden. Denn nichts ist schlimmer, als ein Pferd mit neuen Lektionen barsch zu überfordern. Dann wird von dem Endziel Harmonie nicht viel erkennbar sein. Ein logischer und systematischer Trainingsaufbau und ein zwangloser Sitz des Reiters sind die Bausteine von Harmonie. Nur wenn der harmonische Ablauf sicher erreicht ist, kann der Schwung des Pferdes verbessert werden, wobei die Bezeichnung „spektakulär“ nicht zum passenden Vokabular gehört und immer durch „ausdrucksvoll“ ersetzt wird. Für Hinnemann ist dies der Kern richtig verstandener Ausbildung.
