Quelle: Reiter Revue 10/2006, C. Höchstetter
Wie es im Duden steht
Hinnemann ist wissenssüchtig. Er blättert im Duden nach dem Begriff klassisch: „Das bedeutet mustergültig und vorbildlich." Und so ist klassisches Reiten nicht verstaubt, sondern zeitgemäß.
Allmählich kommen wir dem näher, was unter klassischer Reiterei verstanden werden sollte", ist das Fazit von Reitmeister Johann Hinnemann (58) aus Voerde in Nordrhein-Westfalen. Mit seiner Meinung setzt er mutig und optimistisch einen Kontrapunkt in die andauernde Diskussion um schlechtes Reiten. „Der gerne verwendete Spruch, dass früher alles besser gewesen sei, bestätigt sich in der Entwicklung der Reiterei nicht."
Er kann es wissen, ist er doch einer, der im Thema Reitkunst seinen Lebensinhalt findet. Er war deutscher Bundestrainer, kanadischer und niederländischer Nationaltrainer. Zudem hat er selber gelernt bei „den besten Reitlehrern, die es zu meiner Lehrzeit gab: Albert Stecken, Harry Boldt, Dr. Reiner Klimke und Günter Guminski." Durch diese Grundlage lernte er den entscheidenden Kern der Reitlehre, den er heute selber weitergibt: „Losgelassenheit ist der Schlüssel des Erfolgs." Das gilt fürs Pferd und ebenso für den Reiter - verkrampft geht es nicht. Damit ist er wieder beim alten und neuen Thema: Dem klassischen Reiten. Was Hinnemann darunter versteht, will er den Zuhörern in der Horsemanship-Reihe am 25. Oktober erzählen.
Dressur: Besser als vor 35 Jahren
Johann Hinnemann hat 1972 den niederrheinischen Krüsterhof übernommen. Ausbildungsstätte, Hengststation und Zuchthof mit Hinnemanns Vorliebe für blutgeprägte Zuchtlinien. Dort versucht er das zu leben, was er unter klassischem Reiten versteht. „Im Duden findet man zum Begriff klassisch die Worte mustergültig und vorbildlich. Außerdem ist es in unserer LPO, in den ethischen Grundsätzen und in den FEI-Regeln genau beschrieben, wovon wir sprechen. Die Reiterei ist in den letzten 35 Jahren entschieden vorbildlicher geworden", sagt er und nennt ein Beispiel: Olympia 1972 in München. „Die Reiter damals wären froh gewesen, wenn sie fehlerfrei den Grand Prix Special geschafft hätten. Auf Videos dieser Ritte kann man es nachweisen: Selbst die Medaillienträger waren weit entfernt von fehlerfreien Prüfungen. In Aachen bei den Weltreiterspielen waren die Besten schon sehr nahe am Vorbildlichen." Dieser Fortschritt ist Hinnemann erstmals bei Olympia in Barcelona 1992 aufgefallen. ,,.Alle Pferde im Grand Prix Special konnten anständig piaffieren und passagieren. Das war vorher nicht selbstverständlich." Diese Entwicklung hat zwei Ursachen: Die Pferde von heute werden besser ausgebildet, können durchlässiger reagieren und haben bessere Nerven, was auch die Zucht ausmacht. Beides ist ein fortlaufender Weg. „Selbst im Spitzensport ist das Optimale noch nicht erreicht: eine gesamte Prüfung ohne Fehl und Tadel. Aber es geht um das Zusammenspiel zweier Lebewesen, da ist das Optimum im perfekten Miteinander schwer zu erreichen." Hinnemann versteht die generelle Kritik am Dressursport nicht. „Wir reiten so, wie wir es seit Jahrzehnten gelernt haben. Und seit Jahrzehnten ist erwiesen, dass die Skala der :Ausbildung genau beschreibt, wie sich ein Pferd mit seinem Reiter bewegen sollte, damit es sich wohlfühlt und gesund bleibt." Bewährte Bücher sind seine Basis: Udo Bürgers „Der Reiter formt das Pferd" und die Richtlinien der FN.
Meister über Horsemanship
Frank Henning initiierte eine neue Lehrveranstaltung: „Die alten Meister. Horsemanship - gestern und heute". Dazu lädt Henning in Zusammenarbeit mit Nissan große Namen aus dem Reitsport in Deutschlands Reithallen ein. Dort sprechen die bekanntesten Ausbilder über ihre langjährigen Erfahrungen im Reitsport und in der Ausbildung von Pferden. Sie zeigen Videos von beispielhaften Ritten und geben im zweiten Teil live Reitunterricht. Für die neue Reihe lädt Henning ein: Klaus Balkenhol, Jean Bemelmans, Achaz von Buchwaldt, Johann Hinnemann, Hans Heinrich Isenbart, Heinrich-Wilhelm Johannsmann, Norbert Koof, Herbert Meyer, Margit Otto-Crepin, Holger Schmezer, Dr. Uwe Schulten-Baumer, George Theodorescu, Hugo Simon, Hendrik Snoek, Christine Stückelberger, Hans Günter Winkler ...
Der Drang nach Wissen
Gutes und richtiges Reiten bezieht sich nicht nur auf die höheren Klassen. „Das ständige Bemühen um gutes Reiten ist schon der Weg zum klassischen Reiten. Ob in der Klasse E oder S: Jeder Mensch sollte auf seinem Niveau so reiten, dass sich das Pferd im Gleichgewicht bewegen kann und Freude daran hat." Das klappt nur, wenn es genügend gute Reitlehrer gibt. Beim eigenen Berufsstand entdeckt Hinnemann Mängel: „Wenn ich Leute erlebe, die vom Reitunterricht leben und die Ausbildungsskala zwar auswendig gelernt haben, sie aber nicht umsetzen, wenn jemand die Richtlinien zwar gelesen, aber nicht verinnerlicht hat, ist das der falsche Weg.“ Für Hinnemann muss es in Fleisch und Blut übergehen, warum eine Dehnungshaltung notwendig ist und warum das Genick als höchster Punkt und die Nase vor der Senkrechten generelles Ziel sein müssen. Hinnemann erzählt, dass er schon als junger Kerl „süchtig nach dem richtigen Reiten war. Ich wollte alles verstehen, habe beobachtet, immer nachgefragt. Das fehlt mir heute bei vielen Berufsreitern."
Hinnemanns oberstes Gesetz: „Es muss logisch sein für Reiter, Pferd und Zuschauer. In dem Moment, wo ich als Fachmann eine Methode nicht erklären kann, ist es nicht mehr logisch. Reiten ist falsch, wenn unschön aussieht und zum unerklärbaren Kampf zwischen Reiter und Pferd wird."
Die Einstellung zum Klassischen geht über den Sattel hinaus. Das spiegelt sich in seinem Hof wider. Der sieht aus wie geleckt. „Das gehört dazu, sein Umfeld in Ordnung zu halten. Ich kann Nachlässigkeiten nicht haben." Präzise sein fängt beim Fegen bis in die letzte Ecke an: „Jeder Lehrling muss das begreifen." Weil Nachlässigkeit gefährlich werden kann und nichts mit Mustergültigkeit und Vorbildlichkeit zu tun hat.
