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Quelle: Reiter Revue 11/2006, C. Höchstetter

Gekommen, um zu bleiben

Springausbilder Heinrich-Wilhelm Johannsmann kommt aus einer Zeit, in der es noch Turnierpausen gab. Eine Pause gibt Zeit zum Nachdenken - Nachdenken, um zu verändern.

Wenn sich Heinrich-Wilhelm Johannsmann (55) über etwas ärgert, dann ist es Starrheit. Und wenn er etwas liebt, dann ist es Beständigkeit. Das ist kein Widerspruch: Nichts behindert Reiter und Pferd so wie ein starrer Sitz oder Starrheit im Kopf. Beständigkeit dagegen schafft die Zeit, die Pferd und Reiter füreinander brauchen, um sich langfristige Ziele zu setzen. „Denn Springausbildung dauert mindestens fünf oder sechs Jahre", meint Johannsmann.
Beständig war der Springreiter aus Ebbesloh in Westfalen schon immer, von klein auf lebt er mit dem Thema Pferd. Der gelernte Sattler ging bei Lutz Gössing und bei Hans Günter Winkler in die Ausbildung. In den letzten acht Jahren ritt Johannsmann die Warendorfer Landgestütshengste Prosario, Potsdam und Gralshüter und feierte nun im letzten Jahr Abschied von den internationalen Wettbewerben. Jetzt will er Reitschülern Werte vermitteln - zum Beispiel in der Horsemanship-Reihe im November.
Beständigkeit funktioniert, wenn das Training stimmt. Über das Training philosophiert Johannsmann lange und gerne: Was will ich erreichen? Wie kann ich es erreichen? Was muss ich dafür tun? Zur Analyse muss jeder Reiter Erfahrung und Wissen sammeln. „Deshalb finde ich es gut, dass wir die Chance bekommen, unsere Erlebnisse weiterzugeben."
Denn sogar einer wie Johannsmann hat nicht alles richtig gemacht. „Mein größter Fehler als junger Reiter war die Überforderung von Pferden." Immer drauf losgeritten sei er. „Probier' es halt mal, hieß es damals", erinnert er sich und weiß heute, dass noch Erfahrung fehlte. Ähnliches erlebt er heute, wenn Reiter auf L-Niveau „einfach mal so in ein M-Springen reiten, ohne entsprechende Vorbereitung. Das kann nicht gut gehen." Immerhin beobachtet er seit einigen Jahren eine vernünftigere Einstellung. „Die Reiter sind lernwillig und haben ein Ziel."

 

Ab auf die Tribüne

Auf dem Weg zum Ziel hilft Grundwissen, „und da bemerke ich immer wieder große Lücken", sagt Johannsmann. Also empfiehlt er seinen Schülern Lesen, Lehrvideos und einen Ausflug auf die Tribüne. „Von dort aus lernt man richtig viel." Zuschauen, sich Positives abgucken. „Stilspringen oder Springpferdeprüfungen eignen sich prima."
Sein Anliegen ist der gute Sitz: „Effektiv ist es, aus dem Sitz heraus zu reiten." Abschauen funktioniert auch im Unterricht. „Ich picke einen raus, der vorbildlich reitet." Danach können die anderen in ihren Köpfen ein Bild vom guten Sitz formen. „Stilistisch gutes Reiten muss verinnerlicht werden, dann kann man es auch umsetzen", sagt Johannsmann.
Apropos Sitz: Johannsmann mag keine frühe Spezialisierung. Springen oder Dressur - wer sich zu früh entscheidet, übt einen starren Grundsitz ein. „Da streiten sich die Gelehrten, ob leichter Sitz mit schwebendem Gesäß oder Entlastungssitz nahe am Sattel: Es ist mir unbegreiflich, warum nicht beides möglich sein kann." Johannsmanns Lösung heißt Flexibilität: Stufenlos zwischen leichter Sitz, Entlastungssitz und Dressursitz - je nach Situation.
Natürlich muss das Pferd zum Ziel des Reiters passen. „Ich prüfe Durchlässigkeit und Losgelassenheit, den Trainingszustand." Johannsmann findet: „Der Reiter muss ein Pferd beurteilen können: Ist es zu dick? Fehlen Muskeln? Wenn ich einschätze, bis zu welcher Klasse das Pferd springen kann, wird ein Programm gebaut, das zurück zur Basis führt: Zur Springgymnastik. Die sorgt für Durchlässigkeit und gute körperliche Kondition. Johannsmann steckt Ziele langfristig. „Bis zum achten oder neunten Lebensjahr dauert die Ausbildung eines Springpferdes", sagt er und gibt zu, dass der Reiter dafür große Selbstbeherrschung braucht. „Deshalb war ich sehr froh, dass ich die Warendorfer Hengste erst spät mit sieben oder acht Jahren bekam." Ob Potsdam oder Gralshüter: „Die hatten noch keinen Turnierplatz gesehen, dafür eine Ausbildung als Basis, auf die ich bauen konnte." Prosario und Potsdam starteten beide mit 16 Jahren noch international. „Wenn ein fünf- oder sechsjähriges Pferd einige Erfolge in den Springprüfungen hat, genügt das doch als Beweis, was er kann." Zeit für ein paar Monate Pause. „Dann können sie sieben- und achtjährig die Youngster-Tour Klasse S gehen."

Meister über Horsemanship

Frank Henning initiierte eine neue Lehr-Veranstaltung. „Die alten Meister. Horsemanship - gestern und heute": Dazu lädt Henning große Namen aus dem Reitsport in Deutschlands Reithallen ein. Dort sprechen die bekannten Ausbilder über ihre langjährigen Erfahrungen im Sport und in der Ausbildung. Sie zeigen Videos von beispielhaften Ritten, geben im zweiten Teil live Reitunterricht und schöpfen aus ihrem großen Wissen. Für die neue Reihe lädt Henning ein: George Theodorescu, Georg Ahlmann, Ulla Salzgeber, Klaus Balkenhol, Jean Bemelmans, Johann Hinnemann, Karsten Huck, Hans Heinrich Isenbart, Norbert Koof, Herbert Meyer, Margit Otto-Crepin, Dr. Michael Rüping, Holger Schmezer, Dr. Uwe Schulten-Baumer, Hugo Simon, Hendrik Snoek, Sönke Sönksen, Christine Stückelberger, Hans Günter Winkler und weitere Ausbilder.

Pausen für Veränderung

Gute Erfahrung hat Johannsmann mit Turnierpausen gemacht. „Natürlich hat man die Pferde nicht weggestellt, sondern ist weitergeritten. Aber man hatte Zeit, von Grund auf
das Training zu überdenken, eventuell von Grund auf zu ändern." Pause heißt auch: Spazieren reiten, Longieren, Grasen lassen, Koppel oder Paddock, Führanlage oder Laufband. „In jedem Fall viel Bewegung, das brauchen Pferde einfach."

Gegen Einfallslosigkeit

„Um Springpferde zu reiten, darf man ruhig bei der Dressur abschauen: Ein M-Springpferd muss genauso gut die Lektionen einer M-Dressur können, also Schulterherein oder Traversalen." Johannsmann longiert zur Abwechslung auch auf entsprechend hohem Niveau: Galopp-Schritt-Übergänge müssen ebenso funktionieren wie lockeres Lösen mit schwingendem Rücken.
Dabei erinnert er sich an ein Cavaletti-Seminar von Ingrid Klimke: „Sie benutzte die Cavaletti von der Lösungsphase bis hin zur höchsten Versammlung - das war vom Allerfeinsten." Johannsmanns Motto: Alles, was das Pferd gesund und fit hält, ist gut. Das ist für ihn Horsemanship. „Kein Streichelzoo, sondern Verantwortung fürs Pferd, für sein Wohlergehen und die Gesundheit. Wer danach diszipliniert trainiert, hat die Nase vorne."
Johannsmanns Erfahrungen bleiben in den Köpfen der Zuhörer.