Henning Reitevents - www.henning-reitevents.de

Quelle: Reiter Revue 12/2006, C. Höchstetter

Dressurreiterin Christine Stückelberger

Das Lächeln aus der Schweiz

Christine Stückelberger turnt jeden Morgen um fünf, um für ihre Pferde fit zu sein. Sie ist schockiert, wie unbeweglich viele Reiter sind. Deshalb kämpft sie lächelnd, aber streng für eine gute Sitzschule und die klassische Dressur.

Jeder Reiter hat ein Problem“, das ist der Eindruck von Christine Stückelberger, wenn sie von Vorträgen wieder nach Hause auf den Hasenberg bei St. Gallen kommt. „Immer wieder kommt die verzweifelte Frage aus dem Publikum: Warum lernen wir nicht mehr das richtige Sitzen?“
„Das Wissen um den Sitz und die Basis geht verloren.“ Christine Stückelberger (59) hat das Wissen und Können und gibt es gerne weiter. Sie ist selbst mit Dressur-Legenden wie Harry Boldt, Liselott Linsenhoff und Dr. Reiner Klimke geritten und hat viel von ihrem Lebenspartner Georg Wahl gelernt. Sie war unter anderem 1976 Olympiasiegerin, 1978 Weltmeisterin und 2000 ist sie in Sydney mitgeritten. Heute bildet sie Dressurpferde aus, ist Vorsitzende von Xenophon, der Gesellschaft für Erhalt und Förderung der klassischen Reitkultur. Zur Kultur gehört der gute Sitz. Deshalb erschreckt sich die Schweizerin: „Es ist unglaublich, wir unkoordiniert viele Reiter sind“, so schwört sie selbst auf ihre tägliche halbe Stunde, die sie turnt. Sie sei es ihren Pferden schuldig, selbst beweglich und locker zu sein. Früh um fünf steht sie dafür auf, gymnastiziert erst sich, dann ihre Pferde.

Sie hatte eine Schülerin, die bis nach Amerika geflogen ist, um einen guten Reitlehrer für Sitzschulung zu finden. Fehlanzeige. „Da muss ich mir doch an den Kopf fassen!“ Stückelberger hat sich der Reiterin angenommen, ein Pferd an die Longe geholt, Bügel und Zügel abgeschnallt und die Reiterin dann aufgefordert: „Tief durchatmen! So viele Reiter ersticken fast auf dem Pferd, weil sie verkrampfen und dabei vergessen, Luft zu holen.“
Also lässt die Dressurreiterin die Hände ihrer Schüler schwingen wie Windmühlen, am besten nach hinten, das löst die Brustmuskulatur. Ein Bein schwingt nach vorne, eins nach hinten. „Sehr schwierig und anstrengend: Aber der Reiter bekommt einen tieferen und geschmeidigeren Sitz dabei. Wie soll jemand sein Pferd lösen, der selbst verkrampft ist?“, fragt sie. Stückelberger nimmt kein Blatt vor den Mund. Ganz klar: „Die Leute wollen Infos, wollen wissen, was klassische Dressur ist.“

Liebe oder Show für die Presse

Prinzipiell ist es nicht neu, dass Grobheiten im Reitsport bekämpft werden. Schon vor hunderten von Jahren gab es schlechtes Reiten und umstrittene Methoden wie heute die Rollkur. „Inzwischen halten aber viel mehr Menschen Augen und Ohren offen, sensibilisiert durch die Tierschutzdebatte“, freut sich Stückelberger, die für Tierliebe appelliert. Überhaupt gehört die Liebe zum Pferd dazu: „Auch ein Neckermann mochte seine Pferde gern, obwohl er wenig Zeit wegen seiner Firma hatte“, erinnert sich Stückelberger. Heute nennt sie positive Beispiele, unter anderen Isabell Werth, die „mit ihren Pferden wirklich zusammenarbeitet.“ Christine Stückelberger unterscheidet: „Wer macht Show für die Presse und wer hat wirklich Gespür fürs Pferd?“ Sie beobachtet viel: „Und wenn nicht mal der Trainer dem Reiter im Sattel den Dressurfrack reichen kann, weil das Pferd Angst hat - dann stimmt was nicht!“

 


So soll für Stückelberger eine Piaffe aussehen.
Dieses bekannte Bild von ihrem Granat gilt
auch heute noch als Paradebeispiel für
höchste Versammlung.

Die ganze Welt zieht am Zügel

Sie kämpft für eine gute klassische Dressur, die Leitbild für Reiter jeglichen Niveaus und jeglicher Reitweise ist. Dass die funktioniert, ist für Stückelberger klar: „Seit Jahrhunderten hat sich diese Reitlehre als fundiert erwiesen. Und das Pferd an sich hat sich ja nicht verändert: Es hat immer noch einen Kopf, einen Schweif, vier Beine und eine Seele.“ Deshalb bleibt ihr Lieblingsthema die klassische Dressur, die weiche Hand. Das Hauptproblem auf der ganzen Welt: Ziehen, mit den Sporen bohren, quetschen mit den Oberschenkeln, wieder ziehen. Diesen Teufelskreis möchte sie ausradieren. „Es geht nicht gegen einzelne Personen, sondern richtet sich an jeden Reiter.“
Durch die internationale Turnierwelt spaziert sie schon lange, immer mit offenen Ohren und Augen. Mit 19 Jahren durfte sie in Aachen starten. „Mir haben die Pferde so leid getan, die zum Beispiel aus Russland in den Eisenbahnwaggons tagelang transportiert wurden und völlig steif in Aachen ankamen“. Schon immer habe sie – „oft undiplomatisch, aber ehrlich“ – ihre Meinung gesagt. „In Dortmund mal morgens auf denn Abreiteplatz. Da sieht man schon allerhand und ich drohte einem bekannten Reiter: Wenn Sie nicht aufhören, das Pferd zu malträtieren, dann erstatte ich Meldung.“

Meister über Horsemanship

Frank Henning initiierte die neue Lehr-Veranstaltung „Horsemanship - gestern und heute“: Dazu lädt Henning in Zusammenarbeit mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und Nissan große Namen aus dem Reitsport in Deutschlands Reithallen ein. Dort sprechen die bekannten Ausbilder über Horsemanship und zeigen an Pferd-Reiter-Beispielen, welche Erfahrungen sie im Laufe der Jahrzehnte gemacht haben. Für die neue Reihe sind eingeladen: Georg Ahlmann, Klaus Balkenhol, Jean Bemelmans, Achaz von Buchwaldt, Kurt Gravemeier, Johann Hinnemann, Karsten Huck, Hans Heinrich Isenbart, Heinrich-Wilhelm Johannsmann, Norbert Koof, Herbert Meyer, Margit Otto-Crepin, Dr. Michael Rüping, Holger Schmezer, Dr. Uwe Schulten-Baumer, Hugo Simon, Hendrik Snoek, Sönke Sönksen, Christine Stückelberger und Hans Günter Winkler.

 

Im Nachthemd zu den Pferden

Ihre Pferdeliebe ist wie ein Puzzle, das sich aus tausend Teilen zusammensetzt und sich als roter Faden durch ihr Leben zieht: „Ich wohne neben unserem Stall, wenn ich mitten in der Nacht ungewöhnliche Geräusche höre, gehe ich schon mal im Nachthemd in den Stall“. In jedem Winter lässt sie ihre Pferde barfuß laufen, damit sich der Huf erholt. „Es nahmen sogar Pferde von mir ohne Eisen an internationalen Turnieren teil.“ Auch Sporen für den Nachwuchs sind verpönt: „Unsere Pferde lernen erst mit fünf Jahren Sporen kennen, Dreijährige werden allenfalls mit kurzer Gerte geritten.“ Pferde, Hunde - sogar Insekten mag sie: „Ich hole noch eine Fliege aus dem Swimming-Pool“, erzählt sic im Schweizer Singsang, unterbricht das Telefonat und ruft ihre acht Hunde zur Ordnung. Wenn sie von anderen als „Dressurtante“ beschimpft wird, zuckt sie die Achseln.

„... und ich habe serviert“

Sie kennt das Turnier-Geschäft, trauert manchmal der alten Kameradschaft nach, was auch ein Teil von Horsemanship ist. „Wir hatten es früher auf den Turnieren wahnsinnig lustig: Harry Boldt hat am Abend den Wein besorgt, der Herr Wahl hat Fleisch gegrillt und ich habe serviert. Das war ein Zusammenschluss.“ Wie geht’s weiter? Letztendlich bleibt Stückelberger Optimistin: „Die Weltreiterspiele in Aachen haben in diesem Sinne sehr viel bewegt, weil das für alle ein unglaubliches Erlebnis war. Es war gigantisch beeindruckend, man merkte, was passiert, wenn man gemeinsam an einem Strick zieht. Jetzt kann ich mir vorstellen, dass man näher zusammenrückt.“ Zusammenschluss und ein Bewusstsein für eine bessere Ausbildung bewirken ihrer Meinung nach auch die Horsemanship-Reihe oder die Xenophon-Gesellschaft. Christine Stückelberger will dort Reitern mit Problemen helfen, indem sie von ihrem Wissen abgibt.

www.xenophon-classical-riding.org