Quelle: Pferdesport International 2008; Text: Dagmar Sauer
„Träumen ist erlaubt“

Training mit dem Doktor der Dressur: Für Ellen
Schulten-Baumer sind die Einheiten im Viereck
mit ihrem Stiefvater Dr. Uwe Schulten-Baumer der
Schlüssel zum sportlichen Erfolg. Foto: Senden
Es muss wie ein Befreiungsschlag für Ellen Schulten-Baumer gewesen sein: Mit strahlenden Augen und innerer Zufriedenheit vernahm die junge Dressurreiterin nach der Deutschen Meisterschaft in Gera ihre Nominierung für die Europameisterschaften in Turin 2007. Nach drei Jahren Kadermitgliedschaft erfüllte sich ihr größter Wunsch. „Nachdem ich stets Fünfte und Reservistin in der Mannschaft war, durfte ich nun endlich reiten. Immer nur Ersatz sein, das ist frustrierend“, sagt Ellen Schulten-Baumer, die sich in Italien wacker schlug: sechster Platz im Grand Prix und damit drittbestes deutsches Ergebnis. Im Grand Prix Special lief es nicht nach Plan, und so musste sich die 28-Jährige mit dem neunten Rang zufrieden geben. Damit lieferte sie das Streichergebnis des deutschen Teams und verpasste den Einzug in die Grand Prix Kür, in der nur die jeweils besten drei Reiter einer Mannschaft starten dürfen. Für Ellen war es trotzdem ein grandioses Ergebnis. Die Signale für ihren persönlichen Erfolg standen schon das ganze Jahr 2007 auf Grün. Nachdem Ann-Kathrin Linsenhoff im Frühjahr aus gesundheitlichen Gründen ihre sportliche Karriere beenden musste, Martin Schaudt seinen unwirschen Weltall kaum noch vorstellen konnte und Klaus Husenbeths Piccolino krankheitsbedingt länger pausieren musste, mischten sich die Karten im Championatskader neu. Potenzielle Paare wurden exakter unter die Lupe genommen und konnten sich beweisen. So auch Ellen Schulten-Baumer.
Konstant und Nervenstark
In 2007 stellte die derzeitige Nummer acht der Welt die Weichen für dieses Ziel: Zwei Siege beim Westfalenhallen-Turnier in Dortmund, Qualifikation zum Weltcup-Finale in Las Vegas, Bronzemedaille bei der deutschen Meisterschaft, überraschender Sieg im Hamburger Dressur Derby, um nur einige Erfolge zu nennen. „Sie ist unglaublich nervenstark, eine Reiterin, die nichts aus der Ruhe bringt und die stets ihr Bestes gibt. Ihr ganz großes Talent ist das Einfühlungsvermögen für verschiedene Pferde und die Ausbildung“, lobt Dr. Uwe Schulten-Baumer seine Stieftochter, die sich mit der Teilnahme an der Europameisterschaft auch ein Stück weit aus dem Schatten ihrer langjährigen „Stallgefährtin“ Isabell Werth katapultieren und sich als ernster zu nehmende Reiterin behaupten konnte. Zuvor eher nur als zwar talentierte Stieftochter des renommierten Doktors, aber doch eher unbedarft gesehen, musste Ellen Schulten-Baumer ihren Weg auf nationalem und internationalem Parkett erst finden. Uwe Schulten-Baumer berichtet weiter: „Ihr Manko ist ihr Auftreten, sie müsste forscher und resoluter sein.“ Das bestätigt auch seine Stieftochter. „Da ich recht schnell gelernt hatte, professionell zu arbeiten, dachte ich auch, dass ich ernster genommen werde. Aber ich musste halt warten, Geduld haben und mein Talent umso mehr unter Beweis stellen.“ Auch für den 81-jährigen „Doktor“ ging mit der Aufstellung seiner Stieftochter in das EM-Team ein Traum in Erfüllung. Nach dem Weggang seiner Paradeschülerin Isabell Werth vor sechs Jahren schaffte der vielfach international ausgezeichnete Erfolgstrainer nun nochmals mit einer seiner Eleven den Sprung nach oben. Doch jetzt heißt es abzuwarten, denn eine Garantie auf einen Platz im nächsten Championatsteam gibt es nicht.

Sprung nach oben: Mit der konstanten
Donatha S schaffte Ellen Schulten-
Baumer den Einzug in den A-Kader und
gehörte zur Equipe der Europameister-
schaften. Foto: Frieler
Im olympischen Jahr stehen alle Planungen der Rheinbergerin im Zeichen dieses weltgrößten Sportereignisses. „Eine Teilnahme in Hongkong ist mein großes Ziel. Aber so wahrscheinlich dieses in Erfüllung gehen könnte, genauso unwahrscheinlich ist es auch“, berichtet Ellen. Denn erstmals bei den Spielen 2008 gehen nur drei Team-Reiter an den Start. „Das heißt, die Reserve fliegt zwar mit nach China und bleibt vier Wochen vor Ort, kommt aber nur zum Einsatz, wenn einer z.B. verletzungsbedingt ausfallen sollte. Und das ist für einen Sportler die wohl bitterste Erfahrung. Wenn, dann möchte man auch dorthin, um zu reiten“, erklärt Ellen Schulten-Baumer. Und, ob es ein Platz unter den ersten drei werden wird, das steht noch in den Sternen. „Aber genau nach denen greife ich. Ich bin ehrgeizig und werde auf dieses Ziel hinarbeiten, das ist mein Traum, und träumen ist erlaubt“, so Ellen.
„Immer im Schatten von Isabell“
Ihr Weg an die Spitze kommt nicht von ungefähr: Eine bessere „Dressur-Schule“, als Ellen Schulten-Baumer sie erlebt hatte und immer noch erlebt, kann es wohl nicht geben. „Alles was ich kann, das habe ich dem Doktor zu verdanken. Er ist der allerbeste Trainer.“ Als ihre Mutter vor 15 Jahren den ehemaligen Stahlmanager Dr. Uwe Schulten-Baumer heiratete und mit ihrer Tochter Ellen auf seine Anlage im Rheinland zog, begann die damals 13-Jährige alsbald mit dem Reiten im hauseigenen Stall. Ihre „Stallgefährtin“ war Dressur-Queen Isabell Werth. Zehn Jahre profitierte Ellen Schulten-Baumer von dieser Zusammenarbeit. „Ich habe immer nur das Beste gesehen – und das prägt. Ich konnte Vieles vom Zusehen lernen und dann versuchen, es umzusetzen“, berichtet die Rheinbergerin. Und weiter: „Natürlich wächst man auch schon mit Siegeswillen und dem Hang zum Perfektionismus auf.“ Aber einfach war diese gemeinsame Zeit mit der weltbesten Dressurreiterin auch nicht immer für Ellen. Gerade als Heranwachsende mit der Queen des Vierecks und ihren überragenden Erfolgen auf Gigolo & Co gemessen zu werden, war keine leichte Bürde für eine Nachwuchsreiterin. Der Doktor, der viele Tage und Wochen im Jahr mit Isabell von Turnier zu Turniere reiste, Pferde für sie aussuchtet und kaufte, genoss diese Zeit in vollen Zügen. Die jugendliche Ellen aber musste zurückstecken, und natürlich förderten dieser Erfolgsdruck und die stallinterne Konkurrenz das Verhältnis von Isabell und Ellen nicht – im Grunde konnten sie sich nicht leiden.

Familienbande: Ellen Schulten-Baumer und der
Doktor.
Trotz aller Termine des Doktors kamen aber auch die eigenen Lektionen im Sattel nicht zu kurz. „Von Anfang an war klar, dass ich keine Freizeitreiterin sein möchte, und dass mein Weg professionell werden wird. Dafür wurde mir die Professionalität auch zu stark vorgelebt“, berichtet Ellen Schulten-Baumer. 1997 ritt die damals 18-Jährige bei den Europameisterschaften der Junioren zur Goldmedaille in der Einzelwertung und konnte zudem auch noch mit dem Team das silberne Edelmetall in Empfang nehmen. Ein Jahr später war es Doppelgold im Lager der Jungen Reiter. Dreimal gewann Ellen in den folgenden Jahren den renommierten Piaff-Förderpreis, eine Turnier- und Lehrgangsreihe für höchstens 25 Jahre alte Reiter. Für Ellen war diese Turnierreihe zugleich eine Chance, „viele Pferde parallel aufzubauen“, hebt Bundestrainer Holger Schmezer hervor. Das gelang: Mit Lesotho, Gina Royal und Donatha S baute sich Ellen mit tatkräftiger Unterstützung des Doktors drei starke Partner für das große Viereck auf. Und auch der Nachwuchs ist natürlich bereits gesichert.
Trauer und Erfolg
Aber nicht nur Erfolge prägten das Jahr 2007 der ehrgeizigen Vielreiterin, die bisher rund zehn Grand Prix-Pferde mit Hilfe ihres Stiefvaters ausbildete. Im März musste Ellen Schulten-Baumer mit einem schweren Schicksalsschlag hadern. Ihr 14 Jahre alter Hannoveraner Wallach Lesotho (v. Lauries Crusador xx) erkrankte an einer Störung des zentralen Nervensystems, die binnen 14 Tagen zu seinem Tod führte. Für die Rheinbergerin ist diese schmerzliche Erfahrung noch heute bitter: „Das hat mich sehr getroffen, Lesotho war seit seinem vierten Lebensjahr bei mir. Ich habe mit ihm nicht nur ein Leistungspferd, sondern auch einen Partner verloren.“

Dreamteam: Diana Bona und Marc
Wortmann unterstützen Ellen Schulten-
Baumer bei der täglichen Arbeit mit den
Pferden. River of Joy gehört zu den
größten Nachwuchshoffnungen des
Stalls.
Mit der Hannoveraner Stute Donatha S hat Ellen Schulten-Baumer allerdings eine verlässliche Alternative. Die erfolgreiche und international erfahrene Donnerhall-Tochter ist derzeit ihr Spitzenpferd. Aber auch der Nachwuchs steht ihn den Startlöchern. Allen voran der neunjährige Hannoveraner Wallach River of Joy (v. Ravallo), mit dem die Dressurreiterin im letzten Jahr in der kleinen Tour erfolgreich startete. In 2008 stehen nun die ersten Einsätze im Grand Prix bevor. „Ein tolles Pferd. Er macht jeden Tag Spaß. In ihn hegen wir große Hoffnungen“, berichten Ellen und Dr. Uwe Schulten-Baumer einhellig. Und weiter: „Das perfekte Pferd für große Aufgaben.“
Im Reitsport liegt Zukunft
Neben ihrer eigenen Laufbahn im Sattel bastelt die ehrgeizige Rheinbergerin aber bereits auch an alternativen Karrierefeldern. Definitiv ist für die 28-Jährige aber, dass ihre Zukunft im Reitsport liegt. Zu diesem Zweck unterbrach Ellen Schulten-Baumer auch ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre. Sie erklärt: „Ich denke nicht, dass ich das Studium noch beenden werde, dafür fehlt mir auch die Zeit. Ich konzentriere mich auf den Reitsport in seinen Facetten.“ Dazu zählt auch die Laufbahn als Trainerin und Ausbilderin. „Ich fördere unter anderem Ann-Kristin Dornbracht und Caroline van der Linde. Das macht mir sehr viel Spaß, und ich habe natürlich vom Doktor viel über das richtige Training gelernt. Und auch die Förderung und der Verkauf von Nachwuchspferden steht auf dem Plan“, so Ellen Schulten-Baumer, die vor kurzem aus der elterlichen Anlage auszog und nun eine eigene Wohnung in nächster Nähe wohnt. Hier tankt die vielbeschäftigte Reiterin Kraft und Ruhe. „Mit einem guten Buch auf dem Sofa zu liegen, finde ich toll. Oder auch mit Freunden zu kochen und zu essen entspannt mich sehr. So finde ich wieder zu mir selbst und kann mich dann am nächsten Tag wieder voll auf meine Pferde und die Zukunft konzentrieren.“
