Quelle: St. Georg 1/2008, Foto: Rau
„Zu viele Pferde sind einfach nur dressiert“

Der Blick fürs Wesentliche ist Monica
Theodorescu auch in vielen Jahren
Dressurreiten nicht abhanden
gekommen. Und das heißt: Losgelassen-
heit statt künstlicher Spannung.
Monica Theodorescu bewirbt sich nach zwölf Jahren wieder um einen Platz im deutschen Olympiateam. Der Weg nach Hongkong ist freilich noch weit, nur drei Reiter dürfen starten, ein Reservist fährt mit, bleibt aber vor Ort in Wartestellung. Im ST. GEORG-Interview spricht Monica Theodorescu über ihren Auftritt beim CDI Stuttgart, über das Training ohne ihren Vater George Theodorescu und die Veränderungen des Dressursports in den letzten Jahren.
ST. GEORG: Wie waren Sie mit Ihren Ritten in Stuttgart zufrieden?
Monica Theodorescu: Mit meinem Pferd war ich zufrieden, mit mir nicht. Das Angaloppieren in der Passage im Grand Prix war mein Fehler, bei den Wechselfehlern im Special spielten auch die Sponsoren-Schilder auf der Vierecksbegrenzungen eine Rolle. Es waren einfach zu viele teure Fehler. Ansonsten hat mein Pferd seine Sache gut gemacht, es ist geschlossener geworden, wirkt insgesamt sportlicher.
ST. GEORG: Ihr im Sommer verstorbener Vater war auch ihr Trainer. Mit wem trainieren Sie jetzt?
Monica Theodorescu: Im Grunde trainiere ich allein, aber Bundestrainer Holger Schmezer kommt häufiger vorbei. Außerdem hilft mir unser Bereiter Ike Hahn, er ist seit 15 Jahren bei uns im Stall und weiß genau, wie mein Vater dieses oder jenes gemacht hätte. Außerdem reitet er die Pferde unserer Kunden und trainiert junge Reiter aus dem Umkreis.
ST. GEORG: Trainieren Sie selbst auch andere Reiter?
Monica Theodorescu: Ein wenig. Ich sehe zu, dass ich am späten Vormittag mit meinen Pferden fertig bin, dann habe ich Zeit für die anderen, vor allem für Alexandra Korelowa und Balagur. Sie macht zur Zeit bei uns beziehungsweise bei Ike eine Bereiterlehre, sie geht auch zur Berufsschule. Außerdem sind zwei weitere Reiterinnen aus ihrem Stall in Nizhny Novgorod, 400 Kilometer östlich von Moskau, bei uns.
ST. GEORG: Was haben Sie seit der Europameisterschaft gemacht und wie sind Ihre Pläne für die nächsten Monate?
Monica Theodorescu: Nach der Europameisterschaft in Turin bin ich erst mal mit Whisper viel ins Gelände geritten, das mache ich eigentlich mit allen Pferden. Wir haben zum Glück ein ideales Gelände. Jetzt nach Stuttgart habe ich mir noch Frankfurt vorgenommen, das ist einmal ein sehr schönes Turnier und Ann-Kathrin Linsenhoff, der Whisper gehört, möchte natürlich gerne, dass er da geht. Sie ist ja Mitveranstalterin. Der Plan fürs nächste Jahr ist noch nicht fertig, der wird auch mit dem Bundestrainer abgesprochen. Den Weltcup werde ich mir dieses Jahr schenken, das Ziel ist natürlich Hongkong.
ST. GEORG: Haben Sie Sorgen wegen des prophezeiten feucht-heißen Klimas?
Monica Theodorescu: Nicht mehr als alle anderen auch. Mein Pferd ist jung und konditionell stark genug, das hat er in Turin bewiesen. Da ist er vier Tage hintereinander gefordert worden und hat das gut weggesteckt. So eine lange Woche hatte er noch nie.
ST. GEORG: Es dürfen ja nur drei Reiter pro Mannschaft starten. Wie finden Sie das?
Monica Theodorescu: Aus sportlicher Sicht gar nicht gut. Die Vorsitzende des FEI-Dressurausschusses Mariette Withages, wollte es so, damit mehr Nationen teilnehmen können, damit die Dressur globaler wird. Ob das wirklich der Fall ist und ob man dann das Starterfeld von der Qualität her olympiawürdig besetzen kann, muss man erst mal sehen. Für die Mannschaften bedeutet das jedenfalls ein unheimliches Risiko – wenn nur ein Pferd ausfällt, ist das Team geplatzt. Wenn ein Reiter aus den Top-Mannschaften einen schlechten Tag hat, ist die Medaille weg, das verfälscht natürlich das Bild. Wir haben es hier ja mit zwei Athleten zu tun, das macht die Sache zusätzlich schwieriger.
ST. GEORG: Sie haben in den Jahren 1988 bis 1996 Deutschland bei Championaten vertreten, waren dann ein paar Jahre nicht mehr in der Mannschaft und sind jetzt wieder dabei. Was hat sich aus Ihrer Sicht in der Dressur in diesen Jahren verändert?
Monica Theodorescu: Ich war zwar nicht in der Mannschaft, aber ich bin ja weiter geritten, mit Renaissance Fleur, habe auch die Franzosen nach Aachen begleitet. Die Welt hat sich in den Jahren nicht um 180 Grad gedreht, aber einiges hat sich schon verändert.
ST. GEORG: Was?
Monica Theodorescu: Es wird oft nicht mehr erkannt, ob ein Pferd wirklich losgelassen geht oder ob die Pferde in einer bewusst erzeugten künstlichen Spannung gehalten werden, die mit reeller Versammlung nichts zu tun hat. Zu viele Pferde, die hohe Noten bekommen, sind fest im Rücken, sind dressiert für diese sechs Minuten im Viereck. Häufig fehlt die Basisgymnastizierung. Für mich ist ein wichtiges Kriterium der Ausbildung die Losgelassenheit. Das Ziel ist die Leichtigkeit, nicht das Verhindern von Explosionen.
ST. GEORG: Weil so viele Pferde bei der Siegerehrung explodierten, wurde sie jetzt ja auch grundlegend umgestaltet, nur noch die ersten drei Reiter kommen zusammen herein, die anderen werden einzeln vorgestellt, im Schritt, im Trab oder Galopp. Wie finden Sie das?
Monica Theodorescu: Es war früher immer möglich, eine Siegerehrung durchzuführen. Weder mein Vater, noch Reiner Klimke oder Willi Schultheis sind jemals vor der Ehrenrunde herausgeritten. Manche Pferde sind aufgeregter, mache weniger, das sollte bei einem gut gerittenen Pferd kein Problem sein. Allerdings haben manche Veranstalter auch übertrieben, die Musik viel zu laut aufgedreht, die Zuschauer angeheizt. Da wurde so manche Halle zum Hexenkessel. Das ist für die Pferde unnötiger Stress, übrigens auch für die Springpferde. Man muss sich einfach mal klar machen, was man den Pferden damit antut. Ein Reitturnier ist schließlich kein Popkonzert. Ob es jetzt viel besser ist, muss man erst mal sehen. Nach dem Grand Prix in Stuttgart standen wir draußen in der Kälte, um einzeln herein gerufen zu werden, dann sollten die Pferde vom Fleck weg im Mitteltrab losstiefeln, das finde ich auch nicht ideal.
ST. GEORG: Es gibt auch mal wieder Stimmen, die den Grand Prix verkürzen wollen. Würden Sie dem zustimmen?
Monica Theodorescu: Natürlich nicht. So ein verkürztes Programm hätte nichts mehr mit Dressur zu tun. Dann kann man auch auf eine Hengstschau gehen oder eine andere Schauvorführung. In der Dressur müssen einfach einige Dinge abgefragt werden: Gehorsam, Losgelassenheit, Rückentätigkeit, Zufriedenheit. Das ist die Aufgabe der Dressur. Natürlich muss man auch über Marketing nachdenken. Aber wir müssen auch unsere Pferde schützen. Das zufriedene Pferd ist das Ideal, nicht das aufgemischte. Wenn man mit seinem Pferd nicht mal mehr Schritt am langen Zügel reiten kann, dann stimmt etwas nicht. So will ich gar nicht reiten, das würde mir keinen Spaß machen, wenn ich jede Sekunde Angst haben müsste, dass mein Pferd vor Schreck explodiert.
ST. GEORG: Haben Sie das Gefühl, dass diese bewusst in Spannung versetzten Pferde von den Richtern zu hoch bewertet werden?
Monica Theodorescu: Man muss die Richter mehr in die Verantwortung nehmen. Es geht nicht an, dass sie sich vom Geschehen auf dem Abreiteplatz ganz ausklinken. Bei nationalen Turnieren in Deutschland wird es ja auch so gehandhabt, dass ein Richter Aufsicht auf dem Abreiteplatz führt. Das Problem kann aber nicht auf dem Abreiteplatz, sondern nur in der Prüfung durch die Richterurteile gelöst werden. Wenn die falsche Ausbildung nicht mehr belohnt wird, würde sich auch das Training ändern.
Das Interview führte Gabriele Pochhammer
