Quelle: !das Pferdemagazin 02/2008, Text und Fotos: Sabine Maurer
Erst Spätzünder, dann Durchstarter.
Frank Ostholt

Frank Osthold hat Olympia fest im Blick.
Für die Olympischen Spiele in Hong Kong hat Frank Ostholt die Qual der Wahl: Soll er auf jugendliche Frische setzen oder lieben auf einen Riesenfundus an Erfahrung? Letzteres verkörpert der dreizehnjährige Wallach Air Jordan, der im Stall Jojo genannt wird. Er ist ein alter Fuchs im Busch und siegte mit Ostholt in Luhmühlen und Aachen. Mit dieser Erfolgstour hätte es nach dem Geschmack des Championatsreiters weiter gehen können, doch bei der Europameisterschaft in Pratoni (ITA) 2007 kam der überraschende Einbruch. Die beiden wurden zum Ende der Geländestrecke aus der Prüfung genommen, Air Jordan war von dem hügeligen Gelände und den tropischen Temperaturen völlig erschöpft.
Ein Schock für Ostholt, der sich seitdem viele Gedanken gemacht hat, zumal es in Hong Kong ebenfalls hügelig und das Klima noch schwieriger als in Pratoni sein wird. Doch er ist sich sicher: „Jojo wird damit zurecht kommen.“ Wer den Fuchswallach mit der mächtigen Galoppade durch das Gelände hat flitzen sehen, erkennt ihn im Stall kaum wieder. Am helllichten Tag hat er sich zum Nickerchen ins Stroh gelegt und lässt sich nur mühsam zum Aufstehen bewegen. Dass fremde Menschen im Stall sind, interessiert ihn ebenso wenig wie die Fotoaufnahmen am Rande des Dressurplatzes auf dem DOKR-Gelände. Ein Foto mit gespitzten Ohren hat Seltenheitswert.
Drei Eisen im Feuer
Die stalleigene Olympia-Konkurrenz für Jojo steht mit dem neunjährigen Mr. Medicott bereit. Der Fuchs mit der großen Blesse ist im Gelände sehr ehrgeizig und will überall rüber. Beim Paroursspringen sieht das gelegentlich anders aus. Hier lässt er schon mal ein Bein hängen und kassiert so unnötige Fehlerpunkte. „Er ist da einfach etwas baselig“, sagt Frank Ostholt über sein Nachwuchspferd, mit dem er 2007 beim Drei-Sterne-CCI im niederländischen Boekelo Zweiter wurde.
Theoretisch hat der Championatsreiter für Hong Kong sogar ein drittes Ass im Ärmel, denn er hat sich auch mit Little Paint qualifiziert, sein Einsatz bei Olympia ist jedoch unwahrscheinlich. Zwar ist „Painty“ sehr talentiert, er lässt sich aber gerne von seiner Umwelt ablenken. „Das ist alles noch eine wackelige Angelegenheit“, sagt Ostholt, der bereits einmal in Hong Kong geritten ist.

Als Leiter des Bundesleistungszentrums verbringt
der 32-Jährige täglich mehrere Stunden hinter
dem Schreibtisch.

Der erfahrene Air Jordan ist einer der
Olympiakandidaten im Stall Ostholt.
Gute Nerven werden – wenn auch aus anderen Gründen – in Hong Kong nötig sein. Bei den klimatischen Bedingungen und deren Auswirkungen „muss man mental sehr stark sein“, so Ostholt. Für seine körperliche Fitness tut der gebürtige Warendorfer und Leiter des Bundesleistungszentrums beim DOKR einiges: Er geht mehrmals in der Woche joggen, außerdem stehen noch Physiotherapie und spezielle Gymnastikübungen extra für Reiter auf dem Programm.
Täglich reitet Ostholt vier bis fünf Pferde, trainiert wird aber erst nachmittags, denn als Leiter des Bundesleistungszentrums verbringt er etwas sechst Stunden täglich hinter dem Schreibtisch. Vom Büro in den Stall hat er es nicht weit, seine zehn Pferde stehen auf dem DOKR-Gelände nur wenige Schritte vom Büro entfernt. Um sie kümmert sich die Pflegerin Jessica Rauers. Unterstützung bekommt Frank Ostholt seit neuestem auch von seiner Freundin, der schwedischen Vielseitigkeitsreiterin Sara Algotsson, die im Januar mit drei Pferden aus dem hohen Norden nach Warendorf gezogen ist. Dass sich sein Leben fast ausschließlich um Pferde drehen würde, hätte sich Ostholt in seiner Kindheit nicht träumen lassen.

Youngster Mr. Medicott ist zwar nicht so erfahren
wie seine stalleigene Konkurrenz, doch dafür
verfügt er über reichlich „jugendliche Frische“.
Dann wurde es wieder ruhig um Ostholt, er musste sich auf seine Berufsausbildung konzentrieren. Dem Abitur folgte eine landwirtschaftliche Lehre, für den aufwändigen Sport blieb nur noch wenig Zeit. Das änderte sich mit dem Beginn seines Studiums der Agrarwissenschaften. Der Warendorfer, der sich selbst als „ehrgeizig und fleißig“ bezeichnet, startete durch. Er holte sich etliche Platzierungen in internationalen Prüfungen, außerdem genoss er die feucht-fröhlichen Turniere der Studentenreiter. „Das war immer wie Urlaub“, schmunzelt er.

Auch mit Little Paint hat sich Frank
Ostholt qualifiziert, ein Einsatz ist aber
unwahrscheinlich.
Ansonsten gestaltete sich der Weg zu den Top-Events holprig. So schaffte es Ostholt zwar auf die Longlist für die Olympischen Spiele 2000 in Sydney (AUS), doch bei der letzten Sichtung stürzte er mit seinem damaligen Top-Pferd Eos, der sich dabei verletzte. So war der Traum von Olympia erst einmal geplatzt. Auch vor den Weltmeisterschaften in Jerez de la Frontera (ESP) hatte er Pech, eine Verletzung verhinderte den Start als Mannschaftsreiter. Dann ging es aufwärts. 2003 und 2005 wurde Frank Ostholt Deutscher Meister, 2006 folgte die Goldmedaille in der Mannschaftswertung bei den Weltreiterspielen in Aachen. In der Einzelwertung schrammte er um 0,2 Punkte an den Medaillenplätzen vorbei.
Mit mindestens einer Goldmedaille im Gepäck würde er gerne von Hong Kong nach Hause fliegen. Dass er letztes Jahr die Generalprobe für Olympia gewonnen hat, sieht er als gutes Omen.
