Quelle: Pferdesport International, Text: Dora Mai, Fotos: Schreiner
Vier Jahre nach Olympia

Entspannte Momente: Championatscrack Rusty
genießt die Sonne und die Weide, begleitet von Ulla
Salzgeber und Malteser Max.
Was hat Ulla Salzgeber nicht alles gewonnen! Die baumlange Reiterin und ihre Paradepferd Rusty waren von 1997 bis 2004 die herausragenden Stars der deutschen wie der internationalen Dressurszene. Bei Europameister-schaften errang das Paar viermal hintereinander Gold mit der Mannschaft. In der Einzelwertung belegten die Dressurreiterin und ihr lettischer Wallach 1999 den zweiten Platz, 2001 und 2003 war ihnen die Goldmedaille nicht mehr zu nehmen. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sidney und 2004 in Athen gewann das Paar aus Bayern Gold mit der Mannschaft, in der Einzelwertung Bronze und Silber. Im Herbst 2004 verabschiedete Ulla Salzgeber ihr Ausnahmepferd Rusty in Balve aus dem aktiven Sport. Danach verlief vieles anders als geplant. 2005 verlor sie ihr Zweitpferd Wall Street, ein Jahr später den neunjährigen Loretto. Mit ihrer Nachwuchshoffnung Piet feierte sie einige schöne Erfolge, verkaufte ihn dann aber an ihren englischen Schüler Aram Gregory.

Die in Thüringen gezogene Wakana v.
Wolkentanz II soll sich in diesem
Sommer fürs Finale des Nürnberger
Burg-Pokals qualifizieren.
Die Zeiten, in denen der Platz im Championatskader sicher war, sind lange vorbei. Doch das Bedauern darüber, dass die Olympischen Spiele in Hongkong ohne sie stattfinden, hält sich in Grenzen. „Ich wäre nicht gern nach Hongkong geflogen. Ich kenne das Klima aus meiner Zeit als Trainerin der philippinischen Nationalmannschaft. Es macht nicht wirklich Spaß, bei diesen Temperaturen zu reiten“, sagt sie. In Hongkong wird sie vermutlich dennoch sein, denn ihre Schülerin Anna Ross-Davies hat gute Chancen auf einen Platz im britischen Team.
Vor fünf Jahren kam die junge Engländerin mit ihrem Pferd Liebling zum ersten Mal nach Bad Wörishofen. Damals starteten beide noch auf M-Niveau. Aus dem zweiwöchigen Trainingsaufenthalt bei Ulla Salzgeber wurde eine langfristige Zusammenarbeit mit regelmäßigen E-Mail und Telefonverkehr. Seitdem pendelt Anna Ross-Davies zwischen England und Deutschland hin und her. Ihr Pferd Liebling lebt seit November 2006 in Salzgebers Ausbildungsstall und ist in ihrem Beritt. Ein Jahr später bei der Sunshine-Tour gelang dem Paar der erste Grand Prix-Sieg, bald darauf folgte der erste Nationenpreis-Einsatz im französischen Saumur. Im Juli wurden die Newcomer als Reservepaar fürs britische Team bei den Europameisterschaften nominiert. „Wir haben nie damit gerechnet, dass Anna tatsächlich starten würde“, erzählt Ulla Salzgeber. Aber es kam anders. Zehn Tage vor Turnierbeginn erfuhr sie, dass ihre Schülerin ins britische Team nachrückt, da ein anderer Reiter ausgefallen war. Das war eine Herausforderung. Am Ende wurde die unerfahrene Ersatzreiterin Zehnte und war damit die Beste im britischen Team. Daheim gab es für die herausragende Leistung den British Equestrian Reward. „Ohne Ulla wäre all dies nicht möglich gewesen“, sagt Anna Ross-Davies.

Gruppenbild mit Dressur-Talenten: Piet Bogner.
Beide Pferde wurden inzwischen an Ulla Salz-
gebers Schüler verkauft.
Die deutsche Olympiasiegerin gibt ihr Wissen gerne weiter, verlangt aber, dass die Schüler wirklich lernen wollen. „Ich bin ziemlich streng. Wenn jemand ein par Grand Prix-Lektionen bei Frau Salzgeber reiten will, weil´s schick ist, bin ich die Falsche“, sagt sie. 2005 bis 2006 war sie Trainerin der australischen Nationalmannschaft. Bei den Weltreiterspielen in Aachen wurden die Australier Neunte, ihr bisher bestes Mannschaftsergebnis. Bald danach beendete Ulla Salzgeber die Zusammenarbeit. Es gab Unstimmigkeiten über die Kaderberufung. „Außerdem war das Pendeln zwischen Australien und Deutschland sehr aufwändig“, sagt sie. Jetzt gibt sie regelmäßig Kurse in England und in Amerika. „Das ist eine feste Truppe. Einige Schüler sind Berufsreiter und sehr motiviert. Das macht Spaß“, sagt sie.

Ein gutes Gespann: Frank Freund,
Bereiter im Stall Salzgeber, hat mit
Unterstützung seiner Chefin selber den
Weg in den Grand Prix-Sport gefunden.
Ulla Salzgeber selbst hat bei namhaften Ausbildern gelernt. Fritz Tempelmann, Harry Boldt, Willi Schultheis und vor allem Albert Stecken prägten sie. Selbstdisziplin, ein korrekter Sitz, Basisarbeit und die klassische Reitlehre in Theorie und Praxis waren damals selbstverständlich. „Heute wissen 90 Prozent der Schüler nicht, wie viele Meter es von der Ecke bis zum ersten Punkt sind. Sie beschäftigen sich viel zu wenig mit der Theorie“, kritisiert sie. Für Ulla Salzgeber gibt es keine Alternative zur klassischen Ausbildung. „Der Weg dauert vielleicht manchmal länger. Aber die Basis muss stimmen, sonst kann ich keine Lektionen reiten“, betont sie.
In ihrem Ausbildungsstall in Bad Wörishofen hat sie ein festes Team aus langjährigen Mitarbeitern und Schülern um sich gescharrt. Bereiter Frank Freund ist schon seit sechs Jahren dabei, arbeitet vor allem die jungen Pferde und unterrichtet die jüngeren oder etwas schwächeren Schüler. „Wir sind wie eine Familie. Es ist niemand dabei, der quer schießt. Das ist mir sehr wichtig“, sagt Ulla Salzgeber. Sie selbst trainiert seit einigen Jahren regelmäßig mit Ernst Hoyos. Zur Selbstkorrektur sieht sie sich Videoaufnahmen an, nimmt aber auch Anregungen und Kritik von ihrem Team auf. „Wir sprechen viel miteinander. Meistens sind es nur Kleinigkeiten, die jemandem auffallen, aber viele Kleinigkeiten machen auch ein Großes“, sagt sie. Die gebürtige Rheinländerin kauft ihre Pferde am liebsten jung und bildet sie selber aus. „Es ist etwas anderes, wenn man ein Pferd von Anfang an kennt. Man weiß, wie es reagiert und warum“, sagt sie. Im Stall stehen etliche hoffnungsvolle Youngster, darunter der fünfjährige Londontown. Den Londonderry-Del Piero-Sohn erwarb Salzgeber vom Baden-Württembergischen Haupt- und Landgestüt Marbach. Der temperamentvolle Fuchs, der Landeschampion war, ist mittlerweile kastriert und wird nach einer längeren Pause wieder antrainiert. Ein Start in Warendorf ist nicht geplant. „Ich bin kein Bundeschampionats-Fan. Wir machen´s langsam mit den jungen Pferden“, sagt sie.

Auf dem Weg zur Weide: Oldie Rusty und
sein Kumpane, Pony Motte, werden von
Pflegerin Kelly Jansen ins Grün geführt.
Wie viele Pferde sie im Lauf der Jahre bis zum Grand Prix gefördert hat, weiß Ulla Salzgeber nicht mehr genau. „20 waren es mindestens“, sagt sie. Kaum zu glauben, aber im August feiert die Ausnahmereiterin ihren 50. Geburtstag. Sie wird wegfahren, um den Rummel zu entgehen. Anders als beim Vierzigsten hat sie heute mit ihrem Alter aber kein Problem. „Solange mein Körper mitmacht und ich gut sitzen kann, werde ich weiter reiten“, sagt sie. Ihre Nachwuchshoffnungen sind im Moment die achtjährige Wakana und der neunjährige Herzruf´s Erbe (Herzruf x Caletto I). Den Rheinländer mit der ungewöhnlichen Trakehner-Holsteiner-Abstammung entdeckte Salzgeber als Dreijährigen bei der CHIO-Sales. „Ich sah dieses Gesicht und hab' mich in das Pferd verknallt“, erzählt sie. In der Ausbildung machte ihr der sensible Wallach viel Freude, nur bei den Serienwechseln wurde er zu heiß. Mit Geduld hat sie das Problem inzwischen in den Griff bekommen. Beim CDI im österreichischen Stadl-Paura gewann sie mit „Herzi“ kürzlich die Intermediaire I mit 71,50 Prozent und den St. Georg mit 71,333 Prozent. In Landshut soll der Fuchs seien erste Intermediaire II gehen.

Auch ohne Championatsstress und Trainertätig-
keit für Australien hat Ausbilderin Ulla Salzgeber
nicht oft Zeit, in der Hängematte zu relaxen. Wenn
doch, dann genießt sie ihren Lieblingsplatz sehr.
Die achtjährige Wakana (v. Wolkentanz-Wanderbursch II) fiel ihr fünfjährig beim Süddeutschen Championat in Nördlingen auf. Sie sah das Potenzial der Thüringer Stute und kaufte sie. Frank Freund taufte die schöne Fuchsstute „Heidi“, nach dem Topmodel Heidi Klum. Ein passender Turniername fiel keinem ein. Ulla Salzgeber initiierte kurzerhand ein Preisausschreiben auf ihrer Homepage. Zwei japanische Fans, Mutter und Tochter, schlugen „Wakana“ vor, was so viel heißt wie „die Liebliche“, und gewannen ein Wochenende in Bad Wörishofen. „Die Tochter ist mit einer Freundin tatsächlich aus Japan gekommen und hat uns besucht. Das war eine tolle Geschichte“, plaudert Ulla Salzgeber.
Auf dem Turnier machte die Liebliche ihrem Namen zunächst nicht immer alle Ehre. Sie ließ sich von der unbekannten Umgebung zu sehr ablenken. Um ihr Nachwuchspferd Erfahrungen sammeln zu lassen, startete Ulla Salzgeber im vergangenen Jahr häufig auf kleineren Turnieren. „Ich bin deshalb oft schräg angeguckt worden. Aber zum Üben kann ich nicht nach Aachen fahren“, sagt sie. Inzwischen ist Wakana sicherer geworden. „Bei Heidi dauert alles ein bisschen länger. Aber wenn es sitzt, dann sitzt es bombenfest“, sagt ihre Reiterin. Bei ihrem ersten Start nach der Winterpause in Neumünster wurde Wakana Fünfte im St. Georg. In der Intermediaire I platzierte sie sich sogar an zweiter Stelle. Auch in Stadl-Paura war sie erfolgreich. Bei der Pferd International in München wird Ulla Salzgeber versuchen, sich mit Wakana für das Finale des Nürnberger Burg-Pokals in Frankfurt zu qualifizieren. „Wenn es nicht klappt, ist es nicht so schlimm“, sagt sie. Das große Ziel mit ihren beiden Nachwuchspferden ist die Königsklasse. „Ich weiß, dass beide Pferde Grand Prix gehen können.“
„Man braucht ein Ziel“
Auch wenn die Olympiade für Ulla Salzgeber in diesem Jahr als Reiterin kein Thema ist, aufgegeben hat sie die Hoffnung nicht, dass sie noch einmal im deutschen Team reitet. „Ich habe alles erreicht. Medaillen brauche ich nicht mehr. Aber ich würde mir selbst gern beweisen, dass ich wieder an die Spitze kommen kann. Man braucht ein Ziel.“ Dora Mai
„Gute Pferde in Deutschland halten“
„Als ich im deutschen Team geritten bin, war Deutschland die führende Nation im Dressursport. Das hat sich geändert. Die internationale Konkurrenz ist viel stärker geworden“, bilanziert Ulla Salzgeber nüchtern. Grundsätzlich betrachtet sie diese Entwicklung als positiv, denn sie mache die Dressur spannender.
Dennoch hält Ulla Salzgeber die Entwicklung im deutschen Dressursport für bedenklich: „Die breite Spitze, die wir in Deutschland hatten, geht verloren. Mir fällt auf, wie viele sehr gute deutsche Trainer im Ausland sind. Sie wandern ab, weil sie im Ausland besser bezahlt werden.“ Problematisch sei auch der Verkauf vieler guter deutscher Nachwuchspferde ins Ausland. Salzgeber. „Das kann man den Besitzern nicht vorwerfen. Wenn sehr hohe Angebote vorliegen, ist es irgendwann nicht mehr möglich, sie auszuschlagen. Ich meine, von deutscher Seite müsste sich mehr darum gekümmert werden, potentielle Championats-Pferde im Land zu halten.“
Im Gegensatz zu Deutschland wird der Dressursport in England auf vielerlei Weise gefördert. Die britischen A-Kaderreiter bekommen ein festes Budget für ihre Ausgaben. Auch die B-Kaderreiter erhalten eine finanzielle Unterstützung. Diese Sportförderung werde über eine Lotterie finanziert. Außerdem gebe es in England viel mehr Sponsoren. „In Deutschland fehlt es an Unterstützung für den Dressursport. Das wirkt sich negativ aus“, sagt Ulla Salzgeber.
