Quelle: !das Pferdemagazin Heft 15-16/2007, Text: Kim Kreling, Fotos: Schupp, privat, Ernst
Alois und Paul

Paul Schockemöhle (PS) und Alois Pollmann-
Schweckhorst (APS) – gemeinsam der Zukunft
entgegen.
Die Worte ,Erbprinz' oder ,Übernahme' „höre ich nicht so gerne“, betont Alois Pollmann-Schweckhorst. Tatsache ist: Paul Schockemöhle setzt in ihn große Hoffnungen…
„Der Chef will Sie mal sprechen!“ Wer von uns kennt das nicht – dieses flaue Gefühl im Magen: Was will er? Rüge oder Beförderung? Klar ist – es muss etwas Wichtiges sein! Ein bisschen ähnlich ging es Alois Pollmann-Schweckhorst (APS) im Mai 2006. Der Chef war in diesem Fall sein ehemaliger Chef Paul Schockemöhle. Der rief sogar persönlich an und bat Alois um ein Gespräch. „Das war schon ein komisches Gefühl“, gesteht Pollmann-Schweckhorst. Also machten Pollmann-Schweckhorst und seine Frau Simone einen ,Ausflug' nach Mühlen und Schockemöhle legte sein Anliegen dar. Er suche jemanden, bei dem die Fäden seines Pferdeimperiums zusammen laufen, wenn er mal nicht mehr so aktiv sein kann wie heute. „Im ersten Moment habe ich echt geschluckt und gedacht, das ist eine Nummer zu groß für mich“, gesteht APS offen.

„Für mich ist es eine große Ehre, dass
Paul ausgerechnet mich gefragt hat, als
er an diese große Aufgabe gedacht hat.“
(APS)
„Wenn man in den letzten Jahren verfolgt hat, wie das Pferdereich von Paul gewachsen ist – oha – das kann nur ein Paul Schockemöhle.“ Aber Schockemöhle hat ihm die Bedenken genommen. „Ich kann mich erst einmal in Ruhe einarbeiten, kann meine Reiterei weiter betreiben und in die anderen Aufgaben reinschnuppern. Und dann werden wir sehen wie es läuft.“ Doch bevor APS samt Familie von Warstein nach Mühlen umsiedelte, setzte er Camilla Berger von seinen Plänen in Kenntnis, von der er jahrelang Montanus Faro zur Verfügung gestellt bekommen hatte und mit der er auch in Zukunft gerne zusammen arbeiten möchte, ebenso wie mit Willi Hald dem Catch Me A. W. gehört. Und vor allem besprach sich Pollmann-Schweckhorst mit seinem Pferdebesitzer Hans-Helmut Bauer. Bauer war es, der APS zum totalen Durchbruch an die deutsche Spitze verhalf. Seit 2003 sitzt Alois Pollmann-Schweckhorst im Sattel von Bauer-Pferden, seine vier besten Sportpferde gehören Hans-Helmut Bauer, darunter auch EM-Hoffnung Lord Luis.

„Paul hat Vorstellungen und Visionen. Die möchte
ich noch mehr verinnerlichen.“ (APS)
„Wenn er meine Entscheidung, nach Mühlen zu gehen, nicht mitgetragen hätte, dann hätte ich versucht einen Kompromiss zu finden – vielleicht den Umzug um ein bis fünf Jahre zu verschieben.“ APS ist überzeugt, dass Trio Schockemöhle, Bauer und er selbst als Team viel bewirken und voneinander profitieren kann. „Hans-Helmut Bauer ist ein leidenschaftlicher Pferdemann und mein sportlicher Erfolg liegt in seinen Händen. Paul hat da einen ganz anderen Ansatzpunkt. Er behält in der Regel keine Sportpferde, höchstens Zuchthengste, die er für seine Zucht benötigt und die dann parallel im Sport vorgestellt werden. Es gab nur ein Sportpferd, das Paul mal behalten hat, und das war Deister.“ Zudem gebe es keinen Menschen auf der Welt, der die Zusammenhänge im Pferdesport besser kennt und versteht als Schockemöhle. „Und Paul ist kein Ziel zu hoch. Von seiner Erfahrung und seinem Mut kann ich nur lernen.“

„Ich möchte das Verbindungsglied zwischen
Mühlen und Lewitz sein.“ (APS)
Nach dem Weltcup-Finale Ende April in Las Vegas war es so weit: Familie Pollmann-Schweckhorst zog um. Ein Häuschen nahe des Mühlener Pferde-Imperiums war schnell gefunden. Fünf Autominuten von den Pferden entfernt und im Besitz von Paul Schockemöhle. „Früher hat Paul hier mal gewohnt, die letzten zehn Jahre waren hier die Koreaner einquartiert, die bei Paul trainiert haben“, erklärt APS. Während er in Las Vegas um Weltcup-Punkte ritt, renovierten in Mühlen seine Frau Simone und der Schwiegervater das neue Heim. Zwei Monate später fühlte sich die gesamte Familie schon ganz zu Hause in Mühlen. Tochter Lena (12) kann per Fahrrad zu dem 700 m entfernten Reitstall radeln, in dem ihr Pony steht. „Aber wenn ich richtig Springen üben will“, erklärt sie, „dann reite ich zu Papa rüber.“ Das dauert dann eine halbe Stunde. Und ihre Schwester Charlotte (5) hat sich in dem neuen Kindergarten schon prima eingelebt. Für Ehefrau Simone war der Umzug auch kein Problem. Sie leitete auch schon während der sieben Jahre in Warstein ihre exklusive Mode-Boutique in Zweibrücken aus der Ferne. Und für Alois Pollmann-Schweckhorst selbst? „Mir kommt es so vor, als ob ich wieder nach Hause gekommen bin“, scheint er sich fast selbst zu wundern. „Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass ich 15 Jahre weg war. Mir hat es damals schon gefallen, ein Teil des Mühlener Teams zu sein. Und die drei Jahre damals bei Paul waren die prägendsten Jahre in meiner sportlichen Laufbahn.“ Mit vollkommener Selbstverständlichkeit redet APS, wenn er von Mühlen oder Lewitz spricht, schon nach acht Wochen von „uns“.

Reithalle a la Mühlen: 125 m lang! „Hier habe ich
gelernt, Distanzen zu reiten“, erinnert sich Alois
Pollmann-Schweckhorst mit einem Schmunzeln.
Alois Pollmann-Schweckhorst hat einige Stationen in seiner reiterlichen Laufbahn hinter sich. Angefangen hat es mit der Lehre Zucht und Haltung bei seinem Vater, dann ritt er für einen Bauunternehmer, verbrachte einige Zeit bei Hans Günter Winkler, um im Januar 1989 als Bereiter bei Paul Schockemöhle einzusteigen. Ende 1992 engagierte ihn Familie Hauser als Bereiter und Ausbilder ihres Sohnes Dirk. 1996 machte sich Alois Pollmann-Schweckhorst im saarländischen Tholey selbstständig, bevor er vor sieben Jahren die Reitanlage in Warstein pachtete. Der Abschied aus der „Bierstadt“ fiel ihm nicht leicht, er fühlte sich dort sehr wohl. Aber der 43-Jährige denkt auch schon an die Zeit nach seiner Sportkarriere. Da kam der Vorschlag von Paul Schockemöhle fast wie ein Wink des Himmels.

APS und Hans-Helmut Bauer – mit ge-
ballter Kraft an die internationale
Sportspitze.
Mühlen hat sich verändert seit seiner Bereiterzeit. Gerade in diesem Jahr hat Schockemöhle noch einen neuen Stalltrakt bauen lassen, dreiteilig mit je 16 Boxen pro Stallgasse. Im ersten Teil sind Joy und Jasmin Chen aus Taiwan stationiert, im mittleren der Spanier Manuel Fernandez Saro und im hinteren Teil Alois Pollmann-Schweckhorst. Zehn Meter daneben ragt die einzige überdachte Trabrennbahn Deutschlands aus dem Boden – hier beginnt das Areal von Pauls Bruder Alwin Schockemöhle. Insgesamt stehen den stationierten Reitern aus der ganzen Welt und dem Bereiterteam Schockemöhle riesige Außenplätze und sieben Hallen, inklusive Longier- und Freispringhalle, zur Verfügung. Die Mühlener Besonderheit: eine Reithalle mit den Maßen 125 m mal 18 m. Grinsend stellt sich Alois Pollmann-Schweckhorst in die Unendlichkeit der Reithalle und erzählt: „Hier habe ich früher gelernt, Distanzen zu reiten!“ 250 Pferde werden ständig in Mühlen trainiert, zurzeit kommen 80 mobile Boxen für die Gaststuten hinzu, die zum Bedecken kommen. „In Mühlen trainiere ich, von hier aus fahre ich zu den Turnieren, ich helfe bei der Ausbildung der jungen Pferde, trainiere die Privatkunden mit und bringe mich allmählich immer mehr in den Betrieb ein“, beschreibt APS seinen ,Plan'. „Aber das geht alles nicht von heute auf morgen.

Tausende von Karteikarten für den Über-
blick: APS arbeitet sich mit Hilfe von PS
in Lewitz ein.
In Mühlen existiert ja ein bestehendes Gefüge von 60 Mitarbeitern, an der Spitze die Geschäftsführer Josef Klaphake und Alfons Hermes. Da möchte ich mich vorsichtig einarbeiten.“ APS ist neben Klaphake und Hermes nun der dritte Geschäftsführer in Mühlen und ist nach acht Wochen optimistisch: „Der Riesenberg an Aufgaben hat sich schon etwas gelichtet.“ Allein hier den Überblick zu behalten, ist schon eine wahre Herausforderung. Aber von Alois Pollmann-Schweckhorst wünscht sich Paul Schockemöhle noch viel mehr. Er soll den Überblick über Mühlen und das Gestüt Lewitz südlich von Schwerin bekommen. In Lewitz stehen mehr als 3.000 Fohlen und Youngster, etwa 800 Fohlen werden pro Jahr geboren. „Alle zwei Wochen fahre ich für zwei Tage nach Lewitz und arbeite mich dort ein“, erklärt APS. Alle Pferde werden regelmäßig „gesichtet“ und immer wieder mit Noten bedacht. Zuchtleiter Heinz Meyer und Paul Schockemöhle stellen den Besichtigungsplan auf und vergeben, jetzt in Kombination mit APS, die Noten. So bekommt man einen immer besseren Gesamteindruck von Stärken und Schwächen eines jeden Pferdes. „Ich habe mich immer schon für die Zucht interessiert“, erklärt APS, „aber Fohlen- und Youngsterbeurteilung in dieser Form habe ich natürlich noch nicht gemacht.“

Fühlen sich schon pudelwohl im neuen Heim:
Familie Pollmann-Schweckhorst: v.l. Alois,
Simone, Charlotte (oben), Lena und Familienhund
Billy (unten).
Sein künftiges Haupteinsatzgebiet in Lewitz sieht APS zunächst bei der Beurteilung, der bereits angerittenen Pferde. „Ich denke auf dem Gebiet kann ich am meisten mit meinem Know-how bewegen – bei der Beurteilung: Wie weit sind die? Welche Fortschritte machen sie? Sollten sie schon nach Mühlen für ihre sportliche Ausbildung oder lieber noch in Lewitz bleiben etc.?“
Springreiterkollege Tjark Nagel arbeitet auch seit einigen Monaten zwei Tage pro Woche in Lewitz und unterstützt die Bereiter bei der Ausbildung der Youngster. Er ist für Noch-Neuling APS also ein besonders wichtiger Ansprech- und Austauschpartner. Lewitz ist nicht einfach ein Gestüt, Lewitz ist eine Pferdewelt. „Als ich das erste Mal hier war, hat mich das fast erschlagen“, erinnert Pollmann-Schweckhorst. „Es war alles sehr groß und sehr viel. Aber Paul gibt mir die nötige Zeit zum Reinwachsen.“

Typisch Lewitz: Perfektes Koppel-Leitsystem für
die Stuten und etwa 800 neugeborene Fohlen pro
Jahr.
Alois Pollmann-Schweckhorst wird auch die nächsten Wochen und Monate noch damit beschäftigt sein, sich in Mühlen und Lewitz einzuarbeiten. Er freut sich darauf, andererseits warnt er sich selbst: „Ich darf nicht zu viel machen wollen und meinen Sport vernachlässigen. Wenn man seine Sache nur halb macht, sinkt der Stern ganz schnell. Man muss sich lieber auf wenige Dinge konzentrieren und die gut machen.“ Alles auf einmal nebeneinander regeln – das könne wohl nur ein Paul Schockemöhle. „Er ist Europameister geworden, ist vom Pferd gestiegen und hat seine Spedition gemeistert, hat sich danach um seinen Pferdehandel gekümmert usw., usw. – alles halbtagsweise.“ Bewundert APS seinen neuen Chef? „Eindeutig ja!“