Henning Reitevents - www.henning-reitevents.de

Quelle: Reiter Revue 6/08, Text: Cornelia Höchstetter

Lernen mit Meistern
Geradeaus mit Otto Becker

Eine klassische Springstunde. Außergewöhnlich ist der Reitlehrer: Ein Olympiasieger. Die Schüler: Gewinner der Verlosung von Reiter Revue und Chequinos. Zehn Reiter machen sich auf den Weg, den Otto Becker vorgibt.

Bitte biegen Sie rechts ab“ – das ist die Stimme aus dem Navigationssystem im Auto. Mindestens so nachdrücklich klingt hier in der Reithalle im hessischen Lich die Stimme am Mikrofon. „Innerer Schenkel, tief in die Ecke reiten!“ Das ist Otto Becker aus dem münsterländischen Sendenhorst, Olympiasieger von 2000. Okay, der Vergleich mit dem Navigationssystem hinkt ein bisschen. Aber beim Training im Parcours gibt es zwischen den Sprüngen einen optimalen Weg wie auf einer Landkarte – und den gilt es zu finden.

Im Januarheft veröffentlichte Reiter Revue gemeinsam mit der Zusatzfuttermittelfirma Chequinos eine ungewöhnliche Verlosung. Weil Otto Becker wesentlich an der Entwicklung der Futtermarke mitwirkte, war der Hauptpreis für zehn Reiter eine Springstunde mit dem prominenten Sportler. Reite Revue nutzt das Training für eine weitere Folge „Lernen mit Meistern“.

Der mehrfache Deutsche Meister Otto Becker baut seine drei Springstunden heute für die zehn Gewinner nach altbewährtem Rezept auf: Trabstangen, Gymnastik, Ausschnitte aus dem Parcours, den kompletten Parcours (siehe Skizze). „Ich muss mit diesem Parcours den Teilnehmern von der Klasse A bis M/S gerecht werden. Deshalb soll die Linienführung relativ leicht sein, Distanzen den Ritt flüssig machen, die Pferde zum Galoppieren bringen.“ Klingt nach im Voraus versprochenen Happy-End einer Trainingseinheit.

Einige Gewinner hatten Pech mit ihrem Pferd, das im falschen Moment krank wurde. So hatten andere Reiter aus Lich vom gastgebenden Verein das Glück einer Green Card – etwa Pia Habermehl mit dem gekörten Reitponyhengst High Hope, ein BUndeschampionats-Finalist. Die übrigen engagierten Licher Vereinsmitglieder machen aus dem Training eine öffentliche Großveranstaltung mit Tribüne, Würstchenbude und professioneller Moderation: Vereinsvorsitzender Klaus Biedenkopf unterbricht immer wieder geschickt, hakt bei Otto Becker nach, so dass nicht nur die Reiter viel lernen, sondern auch die Zuschauer.


Gründlich aufgebaut und eine Basis für korrekte
Linien gelegt: Otto Becker lässt erst einmal über
Stangen galoppieren...
Zum Beispiel über das Tempo im Galopp. Schon in der Lösungsphase beim Warmreiten fordert Becker Fleiß: „Nach dem Winter in der Halle ist es in der Regel so, dass man zu langsam galoppiert.“ Die Chequinos-Gewinnerin Pia Werdnik reitet ihr ungarisches Pferd Phoenix. 17 Jahre alt ist das Mädchen und bemüht sich jetzt mit Feuereifer, ihren Fuchs im geforderten Galopptempo zu halten. Die Mutter auf der Zuschauerbank freut sich über das ungewöhnliche Training. „Das ist heute etwas ganz Besonderes!“

Tempo und Rhythmus halten heißt die erste Aufgabe der Reiter, noch bevor es über Stangen geht: „Komm! Viele Dinge sind viel schwierigerer, wenn man sie aus einem zu ruhigen Tempo macht.“ Reiter und Pferde sollen sich an einen flotteren Galopp gewöhnen, bis sie sich darin wohlfühlen. Wenn Otto Becker anfeuert, bleibt seine Tonlage souverän – mal höher, aber immer fordernd.

Ein ganz leichter unterfränkischer Ton färbt manchmal sein Reden. Keine Frage, seine Worte haben gewicht, die Reiter setzen die Vorgaben prompt um. Otto Becker strahlt eine natürliche Autorität aus, auch wenn er lässig mit Daunenjacke, kariertem Hemd und Jeans im Sand steht, mit einer Hand in der Hosentasche. Seine Augen verfolgen die Pferde und die Reiter und findet jetzt schon viele Gründe zu verbessern: „Gleichmäßig, mal geradeaaaaaus, mal rechte Hand, so ist gut. Augen geradeaus und immer da hingucken, wo ihr hinreitet. Kopf Hooooch.“ Manchmal zieht er sogar die Vokale in die Länge.

Es sind die Kleinigkeiten, die immer wieder korrigiert werden, schon beim Traben über am Boden liegende Stangen, die auf gebogener Linie mit einem Abstand von etwa 1,30 Meter – von Mitte zu Mitte – liegen: „Zügel etwas kürzer, dann hält der Reiter im Sattel auch besser Balance“. Der fünfjährige hessische Warmblüter von Teilnehmerin Regina Nies hat schon Springpferdeprüfungen der Klasse A gewonnen, tut sich aber in der ersten Stangenrunde noch schwer, die Hufe zu sortieren. Otto Becker hilft, die Verbindung soll stimmen zwischen Reiterhand und Pferdemaul, und der Hesse findet seinen Rhythmus. Auch über den Galoppstangen, die im Drei-Meter-Abstand am Boden liegen. Erst danach geht es an Gymnastiksprünge. Der Eingangsoxer für den späteren Parcours wird zerlegt: Vorlegestange, 2,50 Meter, etwa 50 Zentimeter hoher Steilsprung, eine Stange drei Meter nach dem Sprung. „Für junge Pferde, die größere Sätze machen und später landen, muss die Stange noch ein bisschen weiter weg“, Otto Becker reagiert individuell und erklärt so nebenbei noch die Logik des Sprungbogens über dem Hindernis.


Regina Nies ist im Parcours und richtet
schon jetzt den Blick zum nächsten
Sprung.
Im Parcours geht es um die logische Folge: Der Reiter kommt zu einer guten Runde, wenn er den korrekten Rhythmus hält wie es Becker von Beginn der Stunde penetrant einfordert. „Wenn du mal etwas dichter oder etwas weiter weg vom Sprung bist, aber den Rhythmus hast, und die Anlehnung und das Vertrauen vom Pferd, dann gleicht das Pferd das aus. Wenn du aber zwischendurch die Hand wegschmeißt, die Verbindung aufgibst, wird das Pferd unsicher.“

Und das absolute Credo von Otto Becker, sozusagen das Fundament für jeden Springreiter, ob er ein E-Springen in Kleinkleckersdorf oder einen Großen Preis von Weltstadt reitet: Richtiges Tempo, richtige Linie. So sagt Otto Becker zu Kathi Löw, die ein sehr blutgeprägtes Pferd reitet, sie soll versuchen, noch feiner, noch dosierter zu reiten. „Du machst keinen großen gravierenden Fehler, aber viele kleine. Und die summieren sich später. Einmal hast du zu viel Bein gegeben und zu viel Druck gemacht, dann kam der nächste Sprung in der Distanz natürlich etwas schneller.“ Beckers Lösung: gleich bleibender Galopp. Nicht abwechselnd zurücknehmen und dann zureiten. Vorher den Raum einteilen. „Den Aussprung der Kombination schon zu Ende springen. Nicht schon beim Aussprung in der Luft sich reinhängen und rückwärts reiten, weil die nächste Distanz folgt. Wenn du gelandet bist, nimmst du das Pferd gleichmäßig zurück.“

Eigentlich ganz klar. Vom festen Boden aus betrachtet. Deshalb empfiehlt der Springreiter auch, sich stetig selbst zu korrigieren, zum Beispiel mit Videoaufnahmen. „Kopf hoch, tief in die Ecke reiten, Sprung gerade anreiten, danach geradeaus weiterreiten, Rhythmus behalten.“ Tausendmal gehört. „Das sind auch die typischen Fehler, die ich überall sehe: Der Sitz ist nicht korrekt. In der Halle wird einfach zu langsam galoppiert, die Linien sind nicht korrekt ausgeritten.“ Das alles ist für Otto Becker mehr als ein Wegweiser. Das ist das Fundament von gründlichem Parcoursreiten – darauf baut alles auf, was in Zukunft noch kommt.

 

Otto Becker zum Parcours

„Der erste Sprung auf der Diagonale soll besonders einladend wirken und dem Reiter eine schöne Linie anbieten sowie dem Pferd die Gelegenheit geben, in Gang zu kommen. Der zweite Sprung steht schräg, weil sonst in der Halle mit einer Breite von 20 Metern wenig Platz ist. Von Sprung 2 auf 3 ist Platz für sieben normale Galoppsprünge, was etwa 25 Metern entspricht. Die zweifache Kombination steht auf 7,30 Meter für einen Galoppsprung, auch angepasst an die Hallengröße. Die Distanz auf Sprung 5 ist, ein bisschen rückwärts geritten, groß genug für fünf Galoppsprünge auf 20 Meter. Damit will ich den Reiter ein wenig fordern. Sonst ist die Linie ja recht einfach, weil ich für unterschiedliche Springniveaus bauen muss. Besonders wichtig von 1 auf 2 und von 5 auf 6: Die korrekte Linie, sonst übernehmen die Pferde selber und halten sich an den Innenbogen. Der Reiter muss seinen inneren Schenkel als Hilfe nutzen. Von Sprung 6 auf 7 folgen vier normale Galoppsprünge auf 17 bis 18 Meter, Hindernis 7 bis 8 ist eine Wendung, ruhig gut ausreiten. Für fortgeschrittene Reiter kann man den Parcours variieren und noch eine engere Wendung reinbringen.“ (Skizze die orange Variante.)

 

 

Mehr über Otto Becker

Pferde hatten Beckers schon immer. Aber weil Otto Becker im unterfränkischen Aschaffenburg geboren wurde (1958) – dort, wo auch der Frankenwein aus dem Bocksbeutel herkommt – und schon der Vater Winzer war, lernte der Sohn ebenfalls Winzer. Zupfte am Weinberg die Trauben von den Reben, war aber schon 1976 Deutscher Meister der Junioren, 1990, 1994 und 1998 Deutscher Meister der Senioren. 2000 holte Otto Becker mit dem Team olympisches Mannschaftsgold und im Einzel den vierten Platz. Im Sattel vom Holsteiner Schimmel Dobel´s Cento, mit dem er auch 2002 das Weltcup-Finale in Leipzig gewonnen hat… und noch vieles mehr. Seit 2004 lebt Otto Becker mit seiner Frau Julia im westfälischen Sendenhorst, wo er seine eigene Anlage betreibt. Dort steht inzwischen auch der elfjährige Hengst vom Holsteiner Verband: Con Air von Carolus I. Er soll mit den anderen Springpferden Cordina und ECL Lunatic die Nachfolge von Cento angehen, der seit 2006 in Rente ist.

Und Otto Becker über…

  • Cento: „Über dem Winter hatten wir ihn zu Hause, seine Pflegerin Hele Marttinen reitet ihn noch jeden Tag. Jetzt, während der Decksaison steht er in Mühlen auf der Station Schockemöhle.“
  • Die olympischen Reiterspiele in Hongkong: „Eine unglückliche Entscheidung.“
  • Wein: „Gerne trinke ich noch guten Wein, besonders Großostheimer Weißwein, aber auch mal ein Glas Rotwein.“