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Quelle: !das Pferdemagazin 14/2008, Text/Fotos: Sabine Maurer

Springen nach Augenmaß
Gut geguckt, gut geritten


Achaz von Buchwaldt gibt Tipps, wie Springreiter
das richtige Augenmaß trainieren können.
Um passend an ein Hindernis zu reiten, muss das Pferd sicher an den Hilfen stehen. Es bedarf Rhythmusgefühl und natürlich auch ein gutes Auge. Wie es genau geht, weiß der zweimalige Derby-Sieger Achaz von Buchwaldt.

„Früher sind die Reiter nie kontrolliert und präzise an den Sprung geritten. Sie konnten es gar nicht“, berichtet der Hamburger, der bei dem „Reiter Forum“ einen Vortrag zu diesem Thema hielt. Das Springreiten hat sich aus dem Jagdreiten entwickelt. Wie im Jagdfeld wurde vorwärts geritten. Es gab lange Linien zwischen den Sprüngen, meistens Naturhindernisse. Das Pferd hatte die Verantwortung, es musste sich beim Sprung selber helfen.

Dass sich das geändert hat, ist hauptsächlich der Zucht zu verdanken. „Früher hat man Wirtschaftspferde gezüchtet, von denen manche auch springen konnten“, so von Buchwaldt. Die heutigen Sportpferde sind viel wendiger und schneller, sie springen laut von Buchwaldt „über alles“. Der Sport ist professioneller und die Bilder im Parcours immer besser geworden. Logischerweise hat sich auch der Parcoursaufbau geändert, innovativ war das mittlerweile 88 Jahre alte Hamburger Derby. „Eduard Pulvermann war seiner Zeit weit voraus“, erklärt von Buchwaldt. In seinem 1.350 Meter langen Parcours wurde zum ersten Mal ein Pferd gefordert, das dressurmäßig gearbeitet war und ein Reiter, der sein Tier im Griff hatte. Revolutionär war damals z. B. die Notwendigkeit in dem Hamburger Derby, das Pferd nach einem mit viel Schwung anzureitenden Hindernis zurückzunehmen, um richtig an den nächsten Sprung zu kommen.

„Im Laufe der Zeit hat der Reiter immer mehr Verantwortung übernommen“, erläutert von Buchwaldt. Vorreiter waren Hans Günter Winkler und Alwin Schockemöhle. Sie gehörten zu den ersten Reitern, die ihre Pferde durcharbeiteten und präzise an die Sprünge ritten. Eine andere Reitweise wäre bei den heutigen Parcours mit ihren kniffeligen Distanzen und den sehr flachen Auflagen nicht mehr denkbar: „Hier geht es um Zentimeter. Man muss auf den Punkt reiten“, sagt der Hamburger, der seit drei Jahren die dänische Nationalmannschaft trainiert.

Probleme lösen

Die Weichen für ein solches Reiten im Parcours werden bereits beim Aufwärmen gestellt. Nach der Lösungsphase wird ohne Sprünge möglichst pingelig geübt, was später im Parcours ständig gebraucht wird: vorwärts reiten und wieder aufnehmen sowie Wendungen.

Die einfachste Übung zur Schulung des Rhythmusgefühls des Reiters ist das Reiten über Cavalettis. Werden diese in einem Abstand von mehreren Galoppsprüngen zueinander aufgestellt, wird aus der einfachen Übung jedoch bereits eine anspruchsvollere, da der Reiter die Galoppsprünge einteilen muss. So kann auch geübt werden, die selbe Distanz z. B. einmal mit fünf oder mit sechs Galoppsprüngen zu reiten. Schwieriger wird es mit drei Cavalettis hintereinander in verschiednen Distanzen. So kann z. B. die erstere – kürzere – Distanz mit der gleichen Anzahl an Galoppsprüngen geritten werden wie die zweite – längere – Distanz. Dem Einfallsreichtum sind hier kaum Grenzen gesetzt. Wichtig ist, wie bei allen Übungen, dass die Galoppsprünge gleichmäßig im Rhythmus sind.


...zuverlässig die richtige Linie zum Sprung...
Eine weitere Übung ist das Springen auf gebogenen Linien. Das richtige Anreiten eines Sprungs aus einer engen Wendung kann ebenfalls mit einem Cavaletti geübt werden. „Erst versammeln und dann vorwärts reiten. Das Pferd darf nicht auseinander fallen und muss immer gut an den treibenden Hilfen bleiben“, mahnt von Buchwaldt. Für diese Übung können beispielsweise drei Cavalettis in einem S-förmigen Bogen aufgestellt werden – dabei kann der Reiter auch gleich noch die Variation der Linienführung und die Galoppwechsel über dem Hindernis trainieren. Das Anreiten mit verkürztem oder mit vergrößertem Galoppsprung kann ebenfalls mit einem Cavaletti oder Steilsprung geübt werden.

Auge trainieren

Mit solchen Übungen bekommt der Reiter mit der Zeit ein gutes Gefühl für Distanzen. „Die Übungen sind simpel, aber sehr effektiv“, meint von Buchwaldt. Hoch müssen die Hindernisse hierfür nicht sein – im Gegenteil. Wenn sich der Reiter bei den niedrigeren Sprüngen verguckt, kommt das Pferd trotzdem rüber und nimmt den Fehler nicht übel. Außerdem ist die Belastung für die Pferdebeine nicht so hoch.

Das Problem an der Basis sei häufig, dass die Pferde nicht richtig an den Hilfen stünden, merkt von Buchwaldt an. Das Zusammenspiel zwischen treibenden und verhaltenden Hilfen klappt oft nicht. Eine Schwierigkeit ist auch, dass Amateure, die häufig nur ein Pferd haben, nicht so oft springen können wie sie müssten. So sollte ein Pferd während der Turniersaison nur etwa einmal die Woche im Training gesprungen werden – für die Schulung von Rhythmus- und Distanzgefühl des Reiters ist das zu wenig. „Tennisspieler können so lange üben, bis sie es können. Beim Springreiter geht das nicht, sonst springt das Pferd irgendwann nicht mehr“ so von Buchwaldt. „Eigentlich bräuchten Reiter neben dem Turnier- noch ein Übungspferd.“

Einen Wert, nach wie vielen Hindernissen Reiter über ein geschultes Auge verfügen, gibt es nicht. Manche scheinen es in den Genen zu haben, andere lernen es nur mit Mühe, andere gar nicht. „Das Gefühl spielt eine große Rolle“, weiß von Buchwaldt. Ein Trost für alle Reiter ohne gutes Auge: Präzises anreiten wird erst ab M**-Prüfungen nötig, in niedrigeren Klassen kommen die Pferde in der Regel auch rüber, wenn der Absprung nicht ganz passt.