Quelle: Reitplatz, Ausgabe 4 – Oktober 2008 von Dr. Gero Büsselmann und Dr. Hildegard Baums, Fotos: Archiv Isenbart
Hans-Heinrich Isenbart

Hans-Heinrich Isenbart bei einer
Moderation auf dem bekannten Spring-
pferd Bacchus von Alwin Schockemöhle
Der Hamburger Hans-Heinrich Isenbart wurde am 5. Februar 1923 in Wien geboren – die Familie war gerade bei Verwandten auf Besuch. Isenbart stammt aus einer Offiziersfamilie, deren Vorfahren schon in der Schlacht bei Waterloo gekämpft hatten. Isenbarts Vater war Kavallerieoffizier beim 2. Großherzoglichen Hessischen Leibdragoner Regiment No. 24. Seine Mutter Elfriede, eine geborene Paulsen, stammt aus Kellinghusen in Holstein. Isenbart wuchs in Hamburg auf und ging hier auf das Humanistische Wilhelm-Gymnasium mit Latein und Altgriechisch – Isenbart las den Klassiker Xenophon schon in seiner Jugend im Original. Durch seinen Vater begann Isenbart das Reiten im zarten Alter von fünf Jahren.
1935 ritt Oberleutnant Neckelmann den ersten fehlerfreien Ritt in der damals 15-jährigen Geschichte des Hamburger Spring- und Dressurderbys in Klein Flottbek. Das beeindruckte den jungen Hans-Heinrich Isenbart so sehr, dass er später zu dessen Regiment wollte, um auf diese Weise an sportlichen Wettbewerben teilnehmen zu können. Sein Vater sagte damals zu ihm: „Wenn Du reiten willst, dann aber richtig!“ Nach der ersten reiterlichen Ausbildung bei seinem Vater kam Hans-Heinrich Isenbart in Hamburg zur Reitanlage am Rothenbaum, zu dem allseits bekannten Gustav Stensbeck. Danach lernte er hier bei Reitmeister Koch und bei Oberleutnant Sachenbacher von der Kavallerieschule Hannover. An den Reit- und Fahrschulen Elmshorn und Eutin nahm Isenbart noch als Jugendlicher an Lehrgängen teil und legte um 1939 die Bereiterprüfung ab („Hilfsreitlehrer“). 1942 machte Hans-Heinrich Isenbart Abitur – mitten im Krieg. Er wurde dann Soldat bei der reitenden Artillerie in Verden an der Aller und kam nach der Grundausbildung zum Deutschen Afrikakorps unter Rommel zum Einsatz. Nach dem Krieg studierte Isenbart in Wien und Salzburg Jura und Literatur. In dieser Zeit arbeitete er bereits als Redakteur beim „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ in Wien und beim Sender „Rot-Weiß-Rot“ in Salzburg. Während seines Studiums in Wien hatte Isenbart Gelegenheit an der Spanischen Hofreitschule zu reiten. Sein Vater kannte deren Leiter, Alois Podhajsky, gut und der wurde auch ein väterlicher Freund von Hans-Heinrich Isenbart. Auch die übrigen Ausbilder der Spanischen Hofreitschule waren Bekannte und Freunde der Familie. Als die Spanische Hofreitschule 1947/48 im Exil in Wels (Oberösterreich) war, bekam Isenbart dort Unterricht bei Oberbereiter Ernst Lindenbauer. Die damals begründete Verbindung zur Spanischen Hofreitschule hat bis heute Bestand. Über die Jahre übernahm Isenbart immer wieder die Präsentation bei Auftritten der Spanischen Hofreitschule, zuletzt in diesem Jahr bei der Gala zu Ehren von Georg Wahl in Wien. Ab 1949 wurde Isenbart freier Mitarbeiter beim NWDR/NWRV/British Forces Network in Hamburg. 1951 bis 1957 arbeitete er beim NWDR Studio Oldenburg. 1956 machte er seinen Fernseh-Kommentar über die olympischen Reiterspiele in Stockholm. Er kommentierte fortan alle olympischen Reiterspiele für das Fernsehen bis einschließlich Seoul 1988. Seine berufliche Laufbahn brachte Isenbart 1957 wieder nach Hamburg als Redaktionsleiter „Staat, Gesellschaft, Wirtschaft“ beim NWDR Fernsehen. 1960 wurde er stellvertretender Fernsehdirektor bei Radio Bremen. Ab 1974 arbeitete Isenbart als Sportkoordinator bei der ARD in München und ab 1977 vertrat er die ARD in München bei der European Broadcasting Union (EBU(UER) in Genf. Seit seiner Pensionierung 1987 ist er als Buchautor, Kommentator und freier Journalist tätig. 1996 zog er von München nach Kirchlinteln bei Verden/Aller. Von 1998 bis 2003 präsentierte er auf N3 eine eigene Fernsehserie. Isenbart ist Gründungsmitglied des Vereins „Xenophon“ (2005, www.xenophon-classical-riding.org) und in dieser Eigenschaft engagiert er sich mit kritischen Vorträgen für die Verbreitung der klassischen Grundsätze der Reiterei. Für seine Verdienste um den Pferdesport wurde er von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung mit dem Deutschen Reiterkreuz in Gold geehrt.
Interview mit Hans-Heinrich Isenbart
Das Gespräch führten Dr. Gero Büsselmann und Dr. Hildegard Baums

Hans-Heinrich Isenbart Abschlussspringen beim
"One-day-event" in Warendorf 1986
Ja, ich bin in Oldenburg und Umgebung Turniere geritten, auch auf dem Oldenburger Landesturnier in Rastede. Das Beste am ganzen Turnier war die erbgroßherzogliche Gurkenbowle. (lacht) Damals fand die Oldenburger Hengstkörung noch auf dem Oldenburger Pferdemarkt statt, dort gab es eine gemauerte Dreiecksbahn und das Oldenburger Pferd war noch der alte Karrossiertyp. 1956 habe ich meine erste Fernsehsendung gemacht, als Kommentator der olympischen Spiele von Stockholm. Das war das legendäre Turnier, wo der verletzte Hans-Günther Winkler mit seiner Stute Halla den Sieg nach Hause ritt. In dieser Zeit entstand der Kontakt zu Olympiareiter Dr. Willi Büsing aus Jade, nördlich von Oldenburg. Ich begleitete Büsing damals gelegentlich auf seinen tierärztlichen Touren, zum Beispiel in den Jadeberger Tierpark, um Rehböcke zu behandeln. Ich musste die Rehböcke festhalten, das war gar nicht so einfach!
Sie kritisieren in Ihrem Hörbuch „… was ich noch sagen wollte“ sehr direkt das internationale Sportgeschehen. Warum wird gegen die Grundsätze der pferdegerechten Reiterei verstoßen?
Weil die Ausrichtung eines Turniers heute teuer ist und es um viel Geld geht. Wie bekommt man die Spitzenreiter auf ein Turnier? – Mit Geld, mit Geld und nur mit Geld. Ich habe ein Lexikon, da steht unter dem Begriff Sport: „zweckfreie Freizeitbeschäftigung“ – das ist völlig unzutreffend. Sport wurde früher der Wettbewerb englischer Gentlemen unter Ausschluss der Öffentlichkeit genannt. Heute ist der Begriff Sport völlig denaturiert und Sport ist nur noch ein Geschäft.
Haben Sie in diesem Jahr die olympischen Reiterwettbewerbe verfolgt?
Ja, ich habe mich vor allem über den Sieg der Vielseitigkeitsreiter gefreut. Man sagte früher gelegentlich, Springreiten – „dickes Geschäft“, Dressurreiten – „dickes Geld“ und Vielseitigkeit „der Sport“. Für mich sind die Vielseitigkeitsreiter tatsächlich und immer noch die sportlichsten und die ehrlichsten unter den Reitern. Auch können Sie an Vielseitigkeitspferden am wenigsten manipulieren.
Horst Karsten hat in einem Interview unlängst die Abschaffung der alten Military-Prüfung bedauert. Wie sehen Sie das?
Leider ist auch die Vielseitigkeitsreiterei denaturiert, das sind ja zum Teil Zirkuskunststücke hochspezialisierter Pferde. Denken Sie nur daran, dass es heutzutage normal ist, im Wasser einen nur ein Meter breiten Sprung zu springen – was hat das mit dem ursprünglichen Geländereiten noch zu tun? Ein Geländesprung ist für mich ein Sprung, der im Gelände vorkommen könnte und über den ich springen muss, weil ich ihm nicht ausweichen kann. Dass man daraus ein Gehorsamsspringen macht, hat mit Geländereiten nichts zu tun.

Hans-Heinrich Isenbart mit Vielseitigkeits-
legende Herbert Blöcker 1984
Bei den großen Springprüfungen wird kaum noch galoppiert, wie in den früheren Jagdspringen. Der Parcours ist eine einzige Hinderniskombination, bei der die Anzahl der Galoppsprünge genau abgezählt werden muss – was hat das noch mit der ursprünglichen Reiterei zu tun? In der Dressur folgen die Lektionen im atemberaubenden Tempo aufeinander, die Tendenz geht zu Kurzprüfungen und die Schrittlektionen wollte man am liebsten ganz herausstreichen – das hat mit normaler Reiterei nichts zu tun. Diese armseligen hochspezialisierten Pferde können, weil sie so unter Druck gesetzt werden, nicht einmal mehr Schritt gehen und auch nicht ruhig stehen. Wir haben eine Olympiasiegerin, deren Pferd bei der Schlussaufstellung keine Sekunde ruhig stehen kann! Was hat das noch mit normaler Reiterei zu tun?
Die Kommentatoren der diesjährigen olympischen Reiterspiele sind ja eher wohlwollend – wollten Sie heute noch die olympischen Reiterspiele kommentieren?
Nein, ich bin froh, dass ich nicht mehr dabei bin, denn ich müsste aus meinem Herzen eine Mördergrube machen.
Sie sagen in Ihrem Hörbuch, die Kultur eines Landes lässt sich an der Reitkultur messen – Zeiten, in denen die Reitkunst eine Blüte erlebte, waren auch Zeiten kultureller Blüte…?
Ja, das ist so. Wir müssen uns rückbesinnen auf die humanistischen Werte. Wir nutzen die Kreatur rücksichtslos aus. Mich stört der unbedingte Siegeswille. Ich bin ein Pferdefreund, aber kein Turnierfreund. Die Reiterfahrung selbst ist das, was ich suche, dafür brauche ich keinen Richter und kein Publikum. Ich will diese Glücksmomente genießen, in denen ich das Gefühl habe, ich bin eins mit dem Tier, als hätte ich selber vier Beine! Die Reitlehrer haben früher gesagt: Dur brauchst nicht am Zügel ziehen, Du brauchst nur zu denken!
Sie kritisieren die Rollkur und sagen, dass an der Weltspitze falsch geritten wird?
Ja, die Rollkur ist Unterwerfungsreiten, dabei nimmt man dem Pferd seine Persönlichkeit. Auch habe ich in diesem Jahr in Aachen unter all den Grand Prix Pferden nur einmal eine korrekte Piaffe gesehen, es gewinnen Pferde, die zwar perfekt im Takt aber mit hoher Kruppe auf der Stelle treten. Das ist keine klassische Piaffe! Das sage ich auch den Richtern.
Welcher Reiter ist für Sie ein Vorbild, Dr. Reiner Klimke?
Ja, der ist ein nicht wieder erreichtes Vorbild! Auch Gustav Stensbeck war für mich ein Vorbild und einige Bereiter an der Spanischen Hofreitschule.

Hans-Heinrich Isenbart erhielt 1985 den renom-
mierten "Westfälischen Friedensreiter"-Preis, es
gratulierten Dr. Reiner Klimke und Heinrich Snoek
Ja, ich habe vor 15 Jahren begonnen, Kurse für den „King´s Troop Royal Horse Artillerie“ in London zu geben, dreimal im Jahr. Das war eine schöne Zeit. Dort sind übrigens nur Freiwillige. Das ist die sportlichste Militäreinheit, die ich kenne, denn sieben Mitglieder dieser Einheit haben an olympischen Spielen teilgenommen und vier Goldmedaillen gewonnen. Die Verbindung wurde so eng, dass ich dieser Einheit einen Säbel, den einer meiner Vorfahren bei der Schlacht von Waterloo getragen hat, geschenkt habe – der hängt jetzt dort im Treppenhaus – das gibt mir ein gutes Gefühl. Schon im Krieg in Afrika empfanden wir den englischen Soldaten gegenüber ein Gefühl der Brüderlichkeit – das mag paradox klinken. Wir haben uns während der Waffenruhe, in denen die Verwundeten versorgt wurden, sogar mit den Engländern an der Front unterhalten. Übrigens haben die Engländer noch heute einen hohen Respekt vor Rommel und seinem Afrikakorps.
Wie kam es zu der Produktion der Hörbücher?
Thomas Vogel vom Pferdia-Verlag hat mich angesprochen. Verschiedene Leute hatten mir gesagt, ich sollte meine Vorträge doch einmal aufnehmen. Wir haben dann die drei Sachen gemacht, eine vierte über Trakehnen folgt in Kürze. Das Erste, was ich machen wollte, sind die Dogmen der Reitkunst von Kurt Albrecht – das ist das Beste, was je über Dressur geschrieben worden ist!
Kannten Sie Kurt Albrecht persönlich?
Ja, ich war mit ihm befreundet. Ich habe mit ihm Lipizzaner jagdmäßig im Gelände geritten – einmal im Jahr bekommen die Lipizzaner gewissermaßen Urlaub.
Welches Verhältnis haben Sie zu Hans-Joachim Köhler?
Wir waren ein Herz und eine Seele. Köhler ist gebürtiger Mecklenburger, er ist auf dem bekannten Gestüt in Redefin aufgewachsen. Von dort ging er zur Kavallerie. An der Kavallerieschule in Hannover war er Fähnrichsoffizier, als der Chef der Fähnriche an der Kavallerieschule Hannover. Später diente Köhler als Abteilungskommandeur in der Kavalleriedivision von Boeselager. Fritz Thiedemann hat unter ihm als Schwadronchef gedient, Micky Brinckmann war Köhlers Regimentskommandeur. Köhler hat im Krieg ein Bein verloren und konnte aber nach wie vor reiten. An der Kavallerieschule in Hannover gab es die besten Lehrer Deutschlands und es war für junge Reiter eine Möglichkeit, den Reitsport zu betreiben. Auch der legendäre Otto Lörke war als Zivilreitlehrer an der Kavalleriereitschule angestellt. Lörke war als Reitlehrer absolut unnachsichtig und daher nicht unbedingt beliebt, obgleich er privat ein frohsinniger Kamerad sein konnte. Lörke ritt übrigens seine Grand Prix Dressurpferde auch im Jagdfeld und machte sich über diejenigen Reiter lustig, die ihre Pferde nicht halten konnten, er sagte: „Aber meine Herren, so lernen Sie doch reiten“.
Ich ende heute viele meiner Vorträge mit dem Wunsch, man möge doch den Gehorsamssprung nach der Dressurprüfung wieder einführen – und schaue dann in entsetzte Gesichter! Dann ergänze ich: „Und dieser Sprung müsste ein Wassergraben sein!“ – und dann fallen die Zuhörer fast vom Stuhl! Nichts wünsche ich den Dressurpferden mehr, als dass sie drei bis viermal in der Woche im Wald spazieren gehen dürfen, dann hätten sie auch bessere Nerven im Viereck.

Hans-Heinrich Isenbart bei einem
Turnier in Nörten-Hardenberg
Das wurde mir angehängt, ja. Das war nicht mein eigentlicher Beruf, ganz im Gegenteil, da die Tätigkeit als Kommentator nicht zu meinem Aufgabengebiet bei der ARD gehörte, durfte ich das nur während meiner Freizeit machen, dafür habe ich, wenn nötig, extra Urlaub genommen! Meine eigentliche Arbeit bei der ARD fand am Schreibtisch statt. Dort habe ich als Jurist gearbeitet und international Verträge ausgehandelt. Ich war deutscher Delegierter bei der European Broadcasting Union (EBU) und habe die Verträge für die Übertragung internationaler Sportveranstaltungen mitverhandelt – zusammen mit dem britischen Delegierten waren wir als die größten Zahler sozusagen die Speerspitze bei den Verhandlungen.
Was war ein Höhepunkt in Ihrem reiterlichen Lebenslauf?
Mein Aufenthalt an der Spanischen Hofreitschule in Wien während meiner Studienzeit war ganz zweifellos ein Höhepunkt, auch an meine Aufenthalte in der Schweiz erinnere ich mich gerne, dort habe ich auch Unterricht gegeben. In der Schweiz gab es früher noch eine Kavallerie und in jedem Ort Kavallerievereine, weil die schweizerischen Soldaten ihre Pferde mit nach Hause nahmen. In diesen Vereinen fand ein sehr reges reiterliches Leben statt, so etwas hatten wir in Deutschland ja nicht mehr.
Welche Veranstaltung war für Sie als Reporter und Kommentator die wichtigste?
Stockholm 1956 mit dem Siegesritt von Hans-Günther Winkler auf Halla, das war doch sehr aufregend. Wussten Sie, dass Hans-Günther Winkler nach seiner Verletzung von dem Tierarzt Dr. Willi Büsing aus Jade, dem Olympiareiter von 1952 und damaligen Mannschaftstierarzt, wieder einsatzfähig gemacht wurde? Der Erfolg von Stockholm war sehr wichtig und hat dem deutschen Volk nach dem verlorenen Krieg geholfen, das Haupt wieder ein wenig zu erheben. Die deutschen Reiter wurden nach dem Krieg fast selbstverständlich wieder in die internationale Reiterfamilie aufgenommen.
Herr Isenbart, vielen Dank für das Gespräch!
