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Quelle: Reitplatz, Ausgabe 4 – Oktober 2008 von Dr. Gero Büsselmann, Fotos: Thilo Haake

Heike Kemmer

Medaillengewinnerin der Olympischen Spiele 2008

Heike Kemmer wurde 1962 in Berlin geboren. Den Pferdevirus hat Heike Kemmer von ihrem Vater Joachim Kemmer, der sie schon im Alter von vier Jahren mit auf sein Pferd nahm. Joachim Kemmer ist ein leidenschaftlicher Reiter, Züchter und Hengsthalter der mit dem Aufbau eines Gestüts auf dem Amselhof in Walle seit Ende der 1960er Jahre einen hippologischen Lebenstraum verwirklicht hatte. Joachim Kemmer förderte seine Tochter mit Leidenschaft und Geduld und stellte ihr die richtigen Pferde für den Erfolg im Viereck zur Verfügung. Ihre ersten Dressurerfolge hatte Heike Kemmer mit der Waidmannsdank xx-Stute Waldfee, die ihr Vater zunächst als Zuchtstute kaufte, dann aber, weil sie nicht rossig wurde, seiner Tochter überließ. Ihr Ausbilder Helmut Hennig förderte Heike bis zur Klasse M. Zu ihren Lehrern gehörte in den 1970er Jahren auch der Berliner Landestrainer Wilfried Wels. 1978 gelang Heike Kemmer ganz unerwartet ein erster großer Erfolg: sie wurde fünfte bei der Deutschen Jugendmeisterschaft. In der Folge kamen weitere Pferde unter ihren Sattel. Inzwischen hatte Heike Kemmer erstmalig Gelegenheit, mit dem heutigen Bundestrainer Holger Schmezer in Verden zu trainieren. Bei den Deutschen Meisterschaften der Jungen Reiter gewann sie mit „Akazie“ 1981 die Bronzemedaille, 1983 war es dann die Silbermedaille. Im Jahr 1983 gelang ihr auch der erste internationale Erfolg: Heike Kemmer gewann mit „Lotus“ bei den Europameisterschaften der Jungen Reiter Gold sowohl in der Mannschafts- als auch in der Einzelwertung. Durch ihre Bekanntschaft mit Madeleine Winter-Schulze, die Heike Kemmer 1982 ihr Pferd „Good Boy“ zur Verfügung gestellt hatte, gelangte Heike Kemmer zu dem weltbekannten Dressurausbilder Herbert Rehbein auf den Grönwohldhof. Nach und nach festigten sich dort die ersten Grand-Prix-Lektionen. Gelegentliche Trainingseinheiten beim damaligen Bundestrainer der Senioren, Harry Boldt, förderten sie ebenfalls weiter. 1985 erlangte Heike Kemmer ihren ersten Grand Prix-Sieg und wurde in den A-Kader aufgenommen. 1986 wurde sie Deutsche Vizemeisterin. Neben Herbert Rehbein und Holger Schmezer trainierte Heike Kemmer nun auch einige Zeit bei General a. D. Albert Stecken, dem Lehrer von Dr. Reiner Klimke und vielen anderen Erfolgsreitern. Stecken vertiefte besonders die theoretischen Hintergründe des Dressurreitens und legte besonderen Wert auf eine exakte Ausführung der Lektionen. 1991 zog Heike Kemmer von Berlin auf den Amselhof Walle. Mit „Golo“ platzierte sie sich 1991/92 regelmäßig auf den vorderen Plätzen und verfehlte nur knapp eine Nominierung für die olympischen Spiele in Barcelona. In den 1990er Jahren ritt Heike Kemmer eine ganze Reihe von talentierten Pferden, vor allem aber kam der siebenjährige Oldenburger „Albano“ (Züchter: Robert Wilkens, Oldenburg) in ihren Stall. Heike Kemmer trainierte in diesen Jahren mit dem internationalen Erfolgstrainer Johann Hinnemann. Bei der Deutschen Meisterschaft 2000 gewann sie mit Albano die Silbermedaille. Noch im gleichen Jahr wurde sie als Ersatzreiterin für die olympischen Spiele in Sydney nominiert. In dieser Zeit vertiefte sich auch der Kontakt zu Ulla Salzgeber und Heike Kemmer besuchte sie regelmäßig zum Training. Im Jahr 2001 wurde Heike Kemmer Dritte bei den Deutschen Dressurmeisterschaften und bei den Europameisterschaften gewann sie zusammen mit Isabell Werth, Nadine Capellmann und Ulla Salzgeber nach ihrem ersten EM-Erfolg 1983 nun ihre zweite Mannschaftsgoldmedaille. Im Dezember 2001 konzentrierte sie sich mehr und mehr auf die Ausbildung des achtjährigen Hannoveraners „Bonaparte“, genannt „Bonni“. Vater Joachim Kemmer hatte Bonaparte bereits als Hengstfohlen bei seinen Züchtern, dem Ehepaar Jacob-Goldeck in Der Wedemark, gekauft. Bei der Dressureuropameisterschaft in Hickstead gewannen Heike Kemmer und Bonaparte, zusammen mit Isabell Werth, Klaus Husenbeth und Ulla Salzgeber, wiederum eine Mannschaftsgoldmedaille. Im Jahr 2004 erreichte ihre reiterliche Karriere einen weiteren Höhepunkt: bei den olympischen Spielen in Athen gewann die Deutsche Mannschaft mit Heike Kemmer, Ulla Salzgeber, Martin Schaudt und Hubertus Schmidt die Mannschaftsgoldmedaille. In den Jahren 2005 und 2006 wurde Heike Kemmer zweimal in Folge Deutsche Meisterin in der Dressur, sie gewann Mannschaftsgold bei der Europameisterschaft 2005 und ebenso Mannschaftsgold bei den Weltreiterspielen 2006 in Aachen.

Vorläufiger Höhepunkt ihrer Karriere waren in diesem Jahr zwei Medaillen bei den olympischen Reiterspielen in Hongkong: zusammen mit Bonaparte erreichte sie Gold mit der Mannschaft und Bronze in der Einzelwertung.

 

Interview mit Heike Kemmer

Das Gespräch führte Dr. Gero Büsselmann

Wir konnten in Deutschland die Fernsehübertragung Ihres Kür-Rittes in Hongkong sehen. Sie wirkten konzentriert und selbstsicher. Wie haben Sie selber den Ritt empfunden?
Die Kür war die letzte Prüfung, vorher waren bereits zwei Prüfungen gelaufen. Ich hatte im Vorfeld zu den ersten Prüfungen bereits genau geplant, wie hoch ich das Risiko ansetzen wollte und wie weit ich gehen wollte. Das habe ich dann vom ersten Ritt an bis zur Kür durchgezogen. Irgendwie passte alles, von der Ankunft in Hong Kong bis hin zu den Prüfungen. „Bonni“ fühlte sich wohl, ich fühlte mich wohl und wir hatten erstklassige Bedingungen vor Ort. Wir haben uns jeden Tag auf unser Training konzentriert und ich konnte so arbeiten wie ich es gewohnt bin.

Hat es die Reiter gestört, dass die olympischen Reiterspiele nicht in Peking stattfanden und sie nichts von den anderen Wettbewerben mitbekommen haben?
Es ist sicherlich schade, aber ich hatte ja bereits Olympiaerfahrung von Sydney und Athen und auch dort war es so, dass man, wenn es los geht, eher auf sein Reiterstadion fixiert it. Dort ist s in den drei Disziplinen schon interessant und abwechslungsreich genug und man muss sich ja auch auf den eigenen Wettbewerb konzentrieren, so dass ohnehin keine Zeit gewesen wäre, die anderen Sportstätten zu besuchen.

Wenn Sie Sydney, Athen und Hong Kong vergleichen – wenn man das überhaupt kann – wo fanden Sie die besten Bedingungen?
Hong Kong hatte die besten Bedingungen geboten, die Anlage des „Hong Kong Jockey Club“ dort war optimal. Die Anlage entspricht dem modernsten und neusten Wissenstand. Die Stallungen waren mit dem Besten vom Besten ausgestattet, Gummiböden, große Boxen, breite Gänge, angenehme Klimatisierung, Waschplätze, Longierzirkel, Wälzbox, Besprechungsräume, Umkleideräume, Waschräume und so weiter – es war alles da.

War das Klima ein Problem?
Nun, wir hatten uns noch nie so intensiv auf einen Wettbewerb vorbereitet, wie zu den olympischen Spielen in Hong Kong. Es waren schwierige Bedingungen, aber wir waren darauf eingestellt. Man hat diesmal viel mehr auf die Fitness von Reiter und Pferd geachtet. Wir Reiter haben dadurch viel über unsere Pferde gelernt. Alles wurde genau kontrolliert, so die Laktatwerte, Wasserverbrauch, Heu- und Futteraufnahme, oder etwa Atemfrequenz und Körpertemperatur. Die Dauer meines Abreitens musste deutlich verkürzt werden, ein Aufwärmen war bei den vorherrschenden Temperaturen kaum nötig. In Europa beginne ich eine Stunde vorher mit dem Schrittreiten, reite eine Arbeitsphase von 25 Minuten mit kleinen Pausen und lasse zum Schluss das Pferd noch einmal zehn Minuten Schritt gehen. In Hong Kong mussten wir die Aufwärmphase deutlich verkürzen, weil die Pferde sonst eine zu hohe Atemfrequenz gehabt hätten. Zwischendurch mussten wir die Pferde mit kaltem Wasser kühlen.


Galaabend bei der Pferd & Jagd 2006 in Hannover:
Dressurvorführung von Heike Kemmer
Welche Bedeutung hat das Team?
Ohne Teamarbeit ist kein Erfolg möglich. Mein persönliches Team zu Hause ist sehr wichtig, Pfleger, Physiotherapeuten, Chiropraktiker auch Eckart Meyners gehört dazu. In Hong Kong hatten wir einen sehr erfahren Mannschaftstierarzt und eine Tierärztin, die auch Akupunkteurin ist. Es gibt viele kleine Mosaiksteinchen, die in der Summe dann zum Erfolg führen.

Sie haben den Lüneburger Bewegungspädagogen Eckart Meyners erwähnt – seit wann arbeiten Sie mit ihm zusammen?
Seit Ende 2004.

Wie hat sich Ihr Reiten durch Eckart Meyners verändert?
Durch die Übungen, die ich mit Eckart Meyners zusammen durchführe, kann ich meine Einwirkung viel gezielter steuern, ich kann die treibenden Hilfen gezielter einsetzen und viel schneller an- und abspannen. Das hilft mir auch bei der Arbeit mit den jungen Pferden. Ich empfinde diese Übungen als einen sehr passenden „Mosaikstein“, der sich in meine Art mit den Pferden zu arbeiten absolut positiv einfügt. Verändert hat sich sicher etwas, weil ich mich im Sattel schneller „verändern“, das heißt, noch besser agieren und reagieren kann.

Machen Sie diese Übungen nach Meyners täglich?
Nein, ich habe das Glück, dass Eckart Meyners fast einmal wöchentlich kommt. Wir arbeiten mit unterschiedlichen Übungsprogrammen, mal lockernde, mal stärkende und mal mobilisierende Übungen. Eckart Meyners denkt sich gezielt auch immer wieder neue Übungen aus, mit denen wir experimentieren. Aus dieser Arbeit ist ja auch das Praxisbuch „Aufwärmprogramm für Reiter“ (Kosmos 2008) entstanden. Die dort aufgeführten Übungsprogramme haben wir getestet.

Wie man auf Ihrer Internetseite lesen kann, sind Sie durch Ihren Vater zum Reiten gekommen. Welche Art von Reiterei hat er betrieben?
Mein Vater stammt aus einer landwirtschaftlich geprägten Familie aus der südlichen Mark Brandenburg. Er ist noch mit Pferden in der Landwirtschaft groß geworden. Als er mit seiner Firma in Berlin Fuß gefasst hatte, hat er wieder mit dem Reiten angefangen, er ist Jagden und ein wenig Springen geritten und durch ihn bin ich zum Pferd gekommen.

Die Liste Ihrer Ausbilder liest sich wie ein „who is who“ der deutschen Ausbilderszene. Gab es Ausbilder, an die Sie sich besonders erinnern oder Lehrsätze, die für Sie besonders wichtig sind?
Ich habe mit meinen Ausbildern eigentlich immer relativ lange zusammen gearbeitet, das waren Zeiträume zwischen 5 und 8 Jahren. In dieser Zeit habe ich deren Lehren jeweils sehr intensiv aufgenommen und ich habe von jedem absolut profitiert! Ob das General Stecken war, mit dem ich mehr ans Aufgaben reiten heranging und der – selbst dann wenn es mir selber nicht mehr möglich erschien – immer noch eine bessere Note herausholen konnte; oder Herbert Rehbein, der mir geholfen hat, den Sprung zum ersten Grand Prix zu schaffen; Johann Hinnemann, mit dem zusammen ich viele Pferde ausgebildet habe; Holger Schmezer, den ich jetzt wieder als Bundestrainer habe – ich habe von allen sehr viel gelernt!

Wie kamen Sie zur Dressur?
Mein Vater hat mich zur Dressur gebracht. Ich bin zwischendurch auch mal Springen geritten aber meine Eltern – und besonders meine Mutter – meinten, die Springreiterei sei für eine Frau zu „knochenbrecherisch“.


Hagen a.Tw. - Horses 6 Dreams 2008:
Dressurprüfung Grand Prix Kür mit "Bonaparte"
Welches Ihrer Pferde ragt besonders heraus?
Lotus war für mich ein ganz wichtiges Pferd, weil er ein Wegbereiter für mich war. Mit ihm war ich Jugendeuropameisterin in der Einzelwertung und in der Mannschaft. Im darauf folgenden Jahr kam ich in die Seniorenklasse und bin mit Lotus erstmalig Grand Prix geritten und gleich beim Hamburger Derby im Finale gewesen! Das war ein ganz wichtiger Meilenstein. Golo war sehr bewegungsgewaltig aber sehr frech, den würde ich heute mit dem Wissen, das ich jetzt habe, gerne noch einmal haben. Albano hat mir erstmalig den Sprung in die Mannschaft bei der Europameisterschaft in Verden ermöglicht. Albano war sehr arbeitswillig, manchmal ein bisschen „heiss“ – der war für mich eine besondere Herausforderung und ich habe viel durch ihn gelernt. Dass Bonaparte eine ganz besondere Stellung bei mir einnimmt ist klar! Wir haben ihn schon als Fohlen bekommen und die vielen gemeinsam gewonnenen Championate haben uns zusammen geschweißt.

Worin besteht für Sie der Reiz des Dressurreitens?
Mir macht die Arbeit mit Pferden Spaß und es ist immer wieder interessant, ihnen die Lektionen über die Jahre beizubringen. Jedes Pferd stellt den Reiter vor neue Herausforderungen. Man muss im Rahmen unserer klassischen Ausbildungsskala immer wieder neue Wege finden und für jedes Pferd individuelle Ideen entwickeln, wie man zum Beispiel die Traversalen, die fliegenden Wechsel oder die Piaffe erarbeitet. Es bereitet große Freude, wenn man sieht, wie sich die Pferde weiter entwickeln.

Was sind Ihre nächsten Ziele?
Mit Bonni möchte ich auf jeden Fall noch zwei Jahre in der Championatsmannschaft reiten und vielleicht einen goldenen Abschluss bei der nächsten Weltmeisterschaft finden. Ein weiteres Traumziel wäre, bei den nächsten olympischen Spielen 2012 dabei sein zu dürfen.

Vielen Dank für das Gespräch!