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Quelle: Reiter Revue International 12/2008, Text: Karolin Behrens, Fotos: www.arnd.nl

Im Porträt: Heinrich-Hermann Engemann

Der zweite Mann

Vieles hat sich zusammengefügt im Leben des Heinrich-Hermann Engemann. Nun ist er in die Bundestrainer-Doppelspitze berufen worden. Ab 2009 steht er mit Otto Becker vor dem Puzzle „Springsport“. Ein Porträt des künftigen Co-Trainers.

Als es raus war, stand sein Telefon nicht mehr still. Journalisten, Offizielle und aktive Reiter wählten im Oktober die Telefonnummer von Heinrich-Hermann „Heiner“ Engemann. Am 1. Januar 2009 tritt er seinen Dienst als Disziplintrainer an. Er ist dann „der zweite Mann“ neben Otto Becker an der neu ausgeklügelten Bundestrainer-Doppelspitze. Viele haben ihm gratuliert. Über den Anruf und die Gratulation von Meredith Michaels-Beerbaum, sagt er, habe er sich am meisten gefreut. „Das hätte ich nicht gedacht.“
Heiner Engemann sitzt auf dem schwarzen Ledersofa im Büro der Reitanlage Engemann Youngsters in der Bauernschaft Wulften im Osnabrücker Land. Von hier aus kann er die Reithalle einsehen, durch die großen Fensterscheiben. Ein anderes Fenster bietet den Ausblick auf den Reitplatz, die Weiden und in weiter Ferne erspäht man einen Teil des Derby-Trainingsplatzes. 1993 haben er und seine Frau Karin sich hier niedergelassen. Haben eine Art Trainingscamp für junge Talente, egal ob Reiter oder Pferde, auf die Beine gestellt.
20 Jahre lang hat Heiner Engemann in Nationenpreisen die deutschen Farben vertreten. Mit fünf Pferden. „Über jedes Pferde könnte ich ein Buch schreiben“, sagt er. Zum Beispiel die Stute Iris. Sie ist eines jener Pferde, die ihn lange Zeit beschäftigte. „18 Nationenpreise habe ich mit ihr geritten. Aber ich wusste bis zum letzten Tag nicht, wie ich bei ihr aufsteigen sollte. Sie wollte mich wohl nicht auf ihrem Rücken haben. Zuhause ging das. Auf dem Turnier musste ich immer zusehen, wie ich einen Platz finde, wo sie auch stehen bleibt. Diese Dame war eine große Persönlichkeit“, erzählt der 49-Jährige. Mit Chica W, „die keiner auf der Rechnung hatte“, ritt Engemann seine ersten Nationenpreise. An Cat Ballou denkt er schmunzelnd zurück. Der kam dreijährig zu ihm und erwies sich in der dressurmäßigen Arbeit als schwer zu knackende Nuss. „Der konnte fantastisch springen, aber zwischen den Hindernissen war er ein einziges Problem. Er war ein schwieriges Unternehmen, aber ich bin mit ihm Nationenpreise geritten.“ An Edgar, einen Sohn des Esprit, erinnert er sich besonders gerne: „Er war das beste Pferd, das ich je in meinem Leben geritten habe.“ Achtjährig wanderte Edgar von Engemann zu Joe Fargis und sammelte von da an für ihn die Schleifen in Großen Preisen und Weltcup-Springen. Geschichte schreibe Engemann mit der Stute Candela. 132 Siege in Springprüfungen der Klasse S: Weltrekord. Im Sommer 2006, während der Deutschen Meisterschaften in Münster, verabschiedete er die Westfälin in den wohl verdienten Ruhestand. „Ursprünglich wollte ich selbst zusammen mit Candela und Iris aufhören. Es dreht sich alles nur noch um diesen Zirkus und ich hab` mich gefragt: ,Muss ich mit Ende 40 das Gleiche machen wie mit 20?“
Aber damals hatte noch ein anderer Westfale im Stall Engemann ein Wörtchen mitzureden: Aboyeur W. Das Pferd mit dem gewöhnungsbedürftigen Galopp. Wohl eher Tralopp. „Er war ein Phänomen. Er kam von der Auktion in Münster-Handorf. Er war damals mitten im Wachstum und dieser Galopp, der war jeden Tag anders. Völlig unkalkulierbar.“ Er stellte den rätselhaften Aboyeur zum Weiterwachsen auf die Weide und ließ später seinen Bereiter Daniel Augustin in aller Ruhe mit dem Anmarsch-Sohn Springpferdeprüfungen reiten. Als Aboyeur siebenjährig war, startete Augustin mit ihm noch bei der Deutschen Meisterschaft der Jungen Reiter. Im Herbst übernahm ihn wieder Engemann für die Youngster Tour. Erinnerungen an den damaligen Hallen-Auftritt in der Münchner Olympiahalle. „Ich ritt ein, Aboyeur stellte sich in die Mitte der Halle und staunte. Ich hatte Mühe, ihn von diesem Fleck auch nur einen Meter wegzubewegen. Von der Bande hielt er sich besonders weit entfernt.“ Das besserte sich. Ab dem Jahr 2003 mischte sich das wieselflinke Traum-Duo Aboyeur und Engemann ganz vorne mit in der internationalen Spitze. Siege und vordere Platzierungen in Großen Preisen, Nationenpreisen, Weltcup-Springen – nur nicht bei Championaten. Weil sie nicht zum Zuge kamen, sondern die Ersatzbank drücken mussten.
Im Sommer diesen Jahres wählte Engemann wieder Münster als Ort des Abschieds, dieses Mal war es sein eigener. Noch einmal mit Aboyeur, noch einmal ohne Fehler, noch einmal verdammt schnell. Das war´s. Aboyeur, zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz seiner Schwiegereltern, sollte verkauft werden. Seine Reise ging nach Brasilien zu Alvaro Miranda de Neto, genannt Dodo. „Ich habe ihn bis zum letzten Tag geritten. Am Tag des Aufladens sind mir all die schönen Dinge durch den Kopf gegangen, die ich mit ihm erlebt habe. Es war ein Abschied mit zwei tränenden Augen. Ich habe Aboyeur viel zu verdanken, es war toll mit ihm, er war ein Top-Partner.“

„Ich bin jetzt freier Mitarbeiter“
Heiner Engemann

Grund des Verkaufs war die Trennung Heiner Engemanns von seiner Frau Karin. „Ich kann die Reaktion meiner Schwiegereltern gut verstehen“, sagt der 49-Jährige. Bereits im Februar dieses Jahres war er ausgezogen, in eine Wohnung nach Osnabrück. An die Öffentlichkeit gingen beide jedoch erst Ende August, nach Hongkong. Darauf hatten sie sich geeinigt. Und auch geschäftlich scheinen sie sich einig zu sein, denn zusammengearbeitet wird auch weiterhin auf der Reitanlage, die sie vor 15 Jahren zusammen aufgebaut haben. „Ich bin jetzt freier Mitarbeiter“, sagt Heiner Engemann. Die gemeinsamen Söhne Moritz (7), Felix (12) und Niklas (14) sollen auch weiterhin von beiden Elternteilen möglichst viel abbekommen. „Karin und ich waren jetzt 20 Jahre lang zusammen. Wir streiten uns nicht ums Geld, jeder für sich ist unabhängig. Nur, dass wir uns jetzt verabreden müssen, um die Wochen abzusprechen. Gerade mit den Turnieren. Ich möchte, dass die Kinder merken, dass beide Elternteile da sind. Ich möchte ein gutes Vorbild sein. Es gibt keinen Krieg. Momentan ist das so, ich weiß natürlich nicht, wie es wird, wenn einer von uns beiden irgendwann mal einen neuen Partner hat. Das muss man abwarten und sollte nicht spekulieren.“
Ein besserer Zeitpunkt und ein besserer Posten, als den des Vize-Bundestrainers hätte ihn eigentlich kaum treffen können. „Ich wusste schon länger, dass Kurt Gravemeier das Amt des Bundestrainers nicht länger besetzen möchte. In Aachen gehörte ich zu den wenigen, denen er das gesagt hatte. Ich hatte viel Zeit, mich mit diesem Thema zu beschäftigen und dachte, das könnte ein Ding für mich sein. Ich habe gegenüber der FN die Anfrage gestellt, zum Gespräch eingeladen zu werden.“ Reinhardt Wendt lud ihn ein. Das Ergebnis ist heute bekannt.
Es gibt viel zu tun für Engemann und Cheftrainer Otto Becker. Die beiden kennen sich. 1974 – damals war Sönke Sönksen Engemanns ständiger Trainer und auch „Ziehvater“ – haben sie sich während eines Juniorenlehrgangs bei Herbert Meyer kennen gelernt. Seit über drei Jahren sind sie schon gemeinsam Aktivensprecher im DOKR-Springausschuss, nun müssen sie gemeinsam als Bundestrainer das Stimmungsbarometer im Springsport wieder nach oben fahren. „Bei den Vielseitigkeitsreitern konnte man sehen, wie das geht mit der Doppelspitze. Von ihnen würde ich gerne die Einigkeit von Trainern und Reitern übernehmen“, sagt der künftige Co-Trainer, der nun auch einen Nachfolger für das Präsidentschaftsamt beim Club Deutscher Springreiter benötigt, seit 2001 war dies seine Aufgabe.
Engemann hat die Ärmel bereits hochgekrempelt. „Den besonderen Reiz sehe ich in der Perspektivgruppe beziehungsweise in deren Aufstellung. Ich schätze, sie wird aus sechs bis zehn Reitern bestehen, wenn wir überhaupt so viele zusammenkriegen.“ Engemann sieht die frühe Spezialisierung vieler junger Reiter als problematisch an. Und: „Der Sport ist sehr kommerziell geworden, es fehlen alte Ausbilder. Die alten Meister. Früher standen Pferd und Reiter mehr im Mittelpunkt.“ Das fehlt ihm heute. Er sagt, heute wären die Geschichten mit den Pferden mehr geklaut als selbst gemacht. Weil zum Geldbeutel gegriffen wird und ein fertiges Pferd gekauft wird. „Ich lege Wert darauf, Pferde auszubilden, sich mehr Gedanken um das Phänomen Pferd zu machen.“
Engemann selbst wurde so erzogen. Durch seinen Ausbilder Sönke Sönksen und durch die Schule des Lebens. „Klein Heiner“, der seit er fünf war als Scheidungskind bei den Großeltern groß wurde, sollte mit 15 Jahren erst mal etwas Anständiges lernen. Der Junge zog nach Köln, um dort seien Metzger-Lehre zu machen, beim Meistern wohnend. Aber da hatte er schon das Pferde-Virus im Blut, eingepflanzt vom Onkel. „Ich habe gelernt, wie man durch Ehrgeiz, Fleiß und Arbeit viel erreichen kann, ohne finanziell gut gestellt zu sein.“
Deshalb fördert er junge Reiter, die von Hause aus nicht so viel Geld haben. Und sieht es als Glück an, dies machen zu dürfen. Die Perspektivgruppe, das Abhalten von Lehrgängen und die Begleitung der Reiter zu Turnieren dürfte sein Steckenpferd werden. Die weiteren Aufgaben, die nun folgen, sind weitaus schwieriger und unangenehmer. Eine der Aufgaben: Das Thema Doping. „Man muss den Reitern Dinge verbieten, um sie vor sich selbst zu beschützen. Das ist traurig, aber wahr. Eine Frage ist, muss man Stallbücher führen? Muss es Trainingskontrollen geben? Im Moment bestätig sich, dass das sein muss“, meint Engemann. Ein weiteres Thema ist der Parcoursbau: „Auch da muss geklärt werden, wie legal der Parcoursbau überhaupt noch ist. Ich meine, ein Pferd muss eine Stange auch mal berühren dürfen. Außerdem muss man ernsthaft die Veranstaltungen überdenken, die ganze Show, die Lichteffekte, die Lautsprecher, den ganzen Zirkus. Pferde können nun mal nur bis zu einem gewissen Grad belastet werden. Darüber rede ich übrigens schon seit Jahren! Aber dann heißt es immer: Jetzt will er wieder ein Fass aufmachen.“


2007 siegte Engemann beim Großen
Preis in Mannheim mit Aboyeur W.
„Pferde können nur bis zu einem gewissen Grad belastet werden“
Heiner Engemann

Es wird nicht das letzte Fass sein. „Deutschlands zweiter Mann“ hat sich viel vorgenommen, dazu gehört zum Beispiel auch ein Mediatraining für die Reiter, dazu gehört, den Zusammenschluss der Reiter zu fördern und die Besitzer mehr einzubeziehen. „Und ich möchte Einblicke in andere Sportarten bekommen.“ Engemann ist Neuem aufgeschlossen. Eine neue Offenheit im Reitsport, die an das Fußball-Trainer-Duo Klinsmann und Löw erinnert. Und die hatten auch nicht nur Fans ihrer neuzeitlichen Arbeitsweise. „Kaiser“ Franz Beckenbauer zeigte sich wenig erfreut von Klinsmanns Betragen.

Im Springsport ist wohl Ludger Beerbaum die konträrste Person gegenüber dem Trainer-Duo. „Wir alle kennen Ludger, er sagt im Eifer des Gefechts Sachen, die er eine halbe Stunde später so nicht mehr sagen würde. Das ist nun mal seine Mentalität. Er ist explosiver als andere“, gibt sich Engemann diplomatisch. Gehörte denn Ludger Beerbaum zu den Gratulanten? Kurze Pause auf dem schwarzen Ledersofa. Die Antwort lautet: „Nein.“