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Quelle: Reiter Revue International 11/2008, Text: Cornelia Höchstetter

Lernen mit Meistern: Übergänge besser reiten

Wechsel Weise

Das Spiel mit den Übergängen ist ein Spiel für vierbeinige ABC-Schützen wie für den Grand-Prix-Professor. Trab-Galopp, Trab-Halten: Gewonnen hat, wer am Ende durchlässig wird. Darauf schaut Monica Theodorescu.

Der porzellanweiße, 18-jährige Pferdekörper bewegt sich geschmeidig wie eine Meereswelle und mit dem Charme eines lebendig gewordenen Schaukelpferds. Warum begeistert Orloff-Traber Balagur unter der russischen Dressurreiterin Alexandra Korelowa so sehr? Unter anderem, weil die Ausbildung korrekt ist. Weil Trainerin Monica Theodorescu immer wieder Übergänge fordert, für eine noch bessere Versammlung. Jedesmal, wenn Korelowa ihren 1,62-Meter-Schimmel abpariert, könnte man eine perfekte Hankenbiegung aufs weiße Fell malen, wie der Winkel zwischen Oberschenkel- und Hüftknochen kleiner wird. Dank der vielen Übergänge.
Übergänge sind Wechsel zwischen den Gangarten, aber auch Wechsel innerhalb der Gangart, etwa vom Arbeitstrab zum versammelten Trab. Das geht nur mit Hilfe von Paraden, halben oder ganzen zum Halten (siehe Kasten S. 31). Wie und wann? Das will Reiter Revue international auf dem Gestüt Lindenhof erfahren. Dort, wo Monica Theodorescu zu Hause ist und Reiter wie die russische Olympia-Sechste Alexandra Korelowa trainieren. In Sassenberg, nah bei Warendorf, stehen 35 Pferde, internationale Dressurleute sind hier, um bei Theodorescu und ihrem Team zu lernen.
Monica Theodorescus Philosophie: Altersgerecht die Übergänge ins Trainingsprogramm nehmen. Zur Demonstration ist nicht nur Grand-Prix-Pferd Balagur auf dem großen Außenplatz. Sondern auch der französische Bereiter Raphael Loison mit der vierjährigen Westfalenstute Take it Easy. Den kleinen Unterschied macht die Dosis. Ein junges Pferd braucht zwar Übergänge, um die Gangart zu wechseln, aber das Training selbst ist alles andere als starr aufgebaut. Take it Easy lässt sich noch durch die Kamerataschen am Rande des Sandes irritieren, bockt kurz, was Loison gelassen sitzt. „Das ist ganz normal für ein junges Pferd“, findet Theodorescu. Überhaupt darf sich die selbst gezogene schwarze Stute vom Trakehner Elitehengst Tuareg mit einer ziemlich freien Anlehnung bewegen, ein angenehmer, wenngleich seltener Anblick. „Sie sollen sich zurechtwachsen, ins Gleichgewicht kommen“, erklärt Theodorescu knapp, als ob sie sich wundere, dass sich jemand wundert, weil das vierjährige Pferd noch nicht in reitpferdegerechter Form gegossen ist.

Theodorescus Devise fürs Jungpferd: Nichts übertreiben. Von vermehrt geforderten Schritt-Trab-Schritt-Übergängen hält sie nichts. „Wenn man sie zum Beispiel vom Trab zum Schritt durchpariert, fällt sie noch richtig zusammen. Das ist noch kein richtiger Übergäng, der von hinten mit treibenden Hilfen an die Hand geritten wird“, sagt sie. Außerdem würden viele Trab-Schritt-Übergänge nur auf den Bewegungsfluss, die Suche nach dem Gleichgewicht stören.
Sie wünscht sich in erster Linie ein losgelassenes Jungpferd im Gleichgewicht, das erreicht man mit Angaloppieren aus einem losgelassenen Trab (siehe S. 34). Ideal auf dem großen Sandplatz: „Das ist doch ein herrlicher Spielplatz!“
Ein Spielplatz ist es auch für den Schimmel. Theodorescu erzählt, es sei heute das erste Mal seit Hongkong, dass er wieder auf Kandare geritten wird und wieder Passage und Piaffe geht – seine absoluten Lieblingslektionen. Nur wird er da gern zu eifrig. Dann geht der Schritt flöten. Früher hatte Balagur einen eiligen Schritt. „Übergänge haben geholfen, dass er zum ruhigen Schreiten kam.“ Also muss Korelowa immer wieder und ständig halbe Paraden reiten. Immer wieder mit Schenkel-, Gewichts- und Zügelhilfe versammeln und wieder loslassen. „Dann wird das Pferd durchlässig, gut in der Anlehnung und ganz leicht“, sagt Theodorescu. Und bei der höchsten Versammlung, in der Passage und Piaffe, hat Alexandra Korelowa nur noch das Zügelgewicht in der Hand – das sieht man deutlich, obwohl der Kandarenbaum nahe an der Wagerechten steht.


Ganze Parade zum Halten. Balagur steht
gleichmäßig auf allen vier Beinen.
Die höchste Versammlung, das ist der Moment, in dem Balagur den Gesichtsausdruck eines Honigkuchenpferds bekommt, denn diese Lektionen mag er mindestens so gerne wie die Zuckerstückchen, die er sich am Anfang der Stunde, am Ende der Stunde und einfach mal zwischendurch bei Monica Theodorescu abholt. Erst schielt er zu ihr, dann drängelt er unauffällig in die Richtung. Monica Theodorescu kramt in ihrer Tasche, die ist leer. Nachschub kommt von Alexandra Korelowa. Alles ist gut. Korelowa erzählt, dass sie und das Pferd alles, die ganze Ausbildung und mehr, Monicas verstorbenem Vater George Theodorescu zu verdanken haben. „Dass das Pferd viel mehr gibt, als er eigentlich kann, dass er immer besser sein will – nicht als andere Pferde, sondern als er selbst eigentlich kann“, so Korelowa.
„Pink Pony“ nennt ihn die internationale Presse, Korelowa mag den Namen nicht. In einem Orloff-Gestüt geboren, sollte Balagur dreijährig Trabrennen gehen, um als Zuchthengst anerkannt zu werden. „Er war nicht schnell genug. Also kam er zur Polizei und stand zufälligerweise in dem Stall, in dem ich auch die Sportpferde geritten bin. So habe ich ihn gesehen, fast jeden Tag“, erinnert sich die Russin. „In einem Winter kam ein Zirkusausbilder und lehrte Zirkus-Piaffen, immer nur auf einer Seite, das waren nicht so schöne Erlebnisse für Balagur. In anderen Dienstpausen wurde er von einer Bereiterin bis zum St. Georg ausgebildet, „er hat viel Falsches gelernt.“ Als er mit etwa elf Jahren zu alt für die Polizei war, kaufte Korelowa ihn – weil George Theodorescu das Video toll fand. Es folgte die internationale Dressur-Karriere eines Exoten im Spitzensportzirkus. Die ersten Jahre mussten Korelowa und Balagur zwischen Russland und dem Lindenhof pendeln, wegen des Visums. Jetzt macht Korelowa bei Theodorescu die Ausbildung zur Pferdewirtin. „Und Balagur bleibt hier. Von Rente ist zwar noch keine Rede, solange er mit so viel Spaß dabei ist“, sagt die Trainerin und fordert weiter: „Bei jeder Parade muss er noch mehr unter den Schwerpunkt kommen.“

 

Was Halbes und was Ganzes
„Ständig halbe Paraden geben“, fordert Monica Theodorescu beim ausgebildeten Pferd. Das verbessert die Anlehnung, schließt das Pferd, holt das Hinterbein, versammelt, führt schließlich zur Durchlässigkeit, dem Ziel der Ausbildungs-Skala. „Bei Balagur hat sich das positiv auf seinen Schritt ausgewirkt.“ Paraden sind Zusammenspiel aller drei Hilfen, der Gewichtshilfe, der Schenkelhilfe und der Zügelhilfe – Paraden ermöglichen kontrolliertes Reiten, so die FN-Richtlinien Halbe Paraden werden laut FN-Richtlinien folgendermaßen ausgeführt:“… durch kurzes vermehrtes Einschließen des Pferdes zwischen den Gewichts, Schenkel- und Zügelhilfen, dem eine nachgebende Zügelhilfe folgt.“ Halbe Paraden braucht der Reiter bei Übergängen zwischen und innerhalb der Gangarten, zum Aufmerksam machen und aufnehmen. Die ganze Parade, egal aus welcher Gangart, führt immer zum Halten. Zum Halten treibt man kurz an die anstehende Hand heran.

 


Übergang zum Mitteltrab: Jetzt sind
Schubkraft und Schulterfreiheit
gefragt.
Vier wirkungsvolle Übergänge

 

Die vierjährige Take it Easy
Die Westfalen-Stute ist seit einem Jahr unter dem Sattel und laut Monica Theodorescu noch „sehr Hering – sehr leichtgewichtig“, wird daher nur drei- bis fünfmal pro Woche geritten. Sie ist eine Tochter von Renaissance, der Grand-Prix-Stute von Monica Theodorescu. „Da bin ich schon stolz, wenn so was gelingt“, strahlt die Züchterin. „Take it Easy ist gehfreudig, etwas ängstlich und trotzdem neugierig. Ihr Reiter Raphael Loison hat ein sehr gutes Gleichgewicht, behält die Ruhe und wird nie grob, setzt sich aber trotzdem durch.“ Das Trainingsziel: „Ich habe keine Ambitionen fürs Bundeschampionat, deshalb lassen wir sie in de Alter relativ in Ruhe. Sie sollen sich zurechtwachsen, ins Gleichgewicht kommen, sich an die Anlehnung herantasten. Übergänge in dem Sinn muss man nicht zu sehr mit ihr üben. Wichtig sind Gleichgewicht und der ruhige Takt.“

 


Modernes Sport-Märchen: Korelowa und
Balagur.

Der 18-jährige Balagur
Seine Geschichte ist ein modernes Märchen, spiegelt wider, was sich so viele Pferdefreunde vom großen Sport erträumen: Ein Pferd, das nicht für den Spitzen-Dressursport gezüchtet wurde, das trotzdem den Sprung nach ganz oben schaffte. Das jahrelang in Nischni Nowgorod, der fünftgrößten Stadt Russlands und Partnerstadt von Essen, als Polizeipferd vor dem Fußballstadion stand. Schon als Dreijähriger war er der Dressurreiterin Alexandra Korelowa aufgefallen: „Ich kenne kein Pferd, das so intelligent und selbstbewusst ist!“ Korelowa sagt heute: „Jeder Reiter kann von so einem Pferd nur träumen. Der Erfolg ist der großen, großen Liebe von George Theodorescu zu diesem Pferd zu verdanken.“ Übergänge für ausgebildete Pferde: alles, was versammelt. Monica Theodorescu achtet schon in der Lösungsphase darauf, dass Balagur nicht auseinanderfällt. Wichtig ist das „Wohlfühltempo“.

 

Monica Theodorescu…

…macht an einem perfekten Sonntag am liebsten einen Ausritt, ist stolz auf die fünf selbstgezüchteten Nachkommen ihrer Grand-Prix-Stute Renaissance, reitet zu Hause täglich vier bis sechs Pferde und fand es nicht lustig, in Hongkong nur Ersatzreiterin zu sein – schließlich hat sie schon drei olympische Mannschafts-Goldmedaillen gewonnen. Mit 19 Jahren ist sie bereits auf dem CHIO Aachen geritten. Dort war sie in diesem Jahr mit dem zehnjährigen Württemberger Whisper von Welthit I O zweit- und drittplatziert – 2007 holte sie bei der Europameisterschaft Mannschafts-Silber. Einen goldenen Herbsttag auf dem Gestüt Lindenhof empfindet die gelernte Übersetzerin als Paradies, wenn sie draußen trainiert, Rottweiler, Bulldogge, Terrier und Greyhound ihr zu Füßen liegen.