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Quelle: Reiter Revue 3/2008; Text: Julia Wentscher

Zu Hause bei Markus Merschformann


Markus Merschformann mit Frau Andrea und
Sohn Max.
„Ich möchte wieder oben dabei sein“

Mit 24 Jahren zählte er zum Goldteam der Springreiter-Europameisterschaft in Mannheim, sammelte in jungen Jahren internationale Erfolge ehe es nach dem Umzug in den Süden ruhiger um ihn wurde: Doch Markus Merschformann will wieder ganz nach oben. Mit zwei Siegen in Gahlen hat er direkt zum Jahresanfang klar gemacht, dass mit ihm zu rechnen ist.

In leichten Kurven geht es von der Hauptstraße ab vorbei an einem Bauernhof. Der sich sanft schlängelnde Weg wird von Wäldern und gepflegt umzäunten Wieden gesäumt: Da beginnt das „Reich“ der Merschformanns im westfälischen Rosendahl-Osterwick. Am meisten auf Trab gehalten wird die Springreiterfamilie durch Max und Felix, der eine ist 16 Monate alt, der andere zwei Jahre. Beide lieben ihre Mini-Trecker, mit denen sie anstelle von Bobbycars über die Anlage sausen. Max führt international erfolgreiches „Springreiterblut“, denn Vater Markus stand schon 1997 mit 24 Jahren im Goldteam der Springreiter-EM in Mannheim. Felix ist der Sohn von Markus Bruder Frank, mit dem er sich die Ausbildungs- und Verkaufspferde teilt.

Der Vater kauft die Pferde

„Am liebsten kaufen wir talentierte Vier- und Siebenjährige, da unsere Kunden verstärt nach älteren Pferden fragen. Dafür fahre ich schon einige Kilometer zusammen“, gibt Seniorchef Karl Merschformann zu. Er hat den Betrieb mit 60 Boxen, 40-er Halle, großem Außenplatz, Führanlage, Paddocks und Weiden Anfang der 70er Jahre von Milchviehhaltung auf Pferde umgestellt. Das Team der drei „Merschlformänner“ wirkt in dieser Konstellation seit über drei Jahren. Zuvor war Markus einige Jahre in anderen Ställen. Doch nach acht Jahren bei Hendrik Snoek auf Gut Berl in Sendenhorst gab es nach Weltcup-Erfolgen mit Camirez B und internationalen Erfolgen auf Collin ein schnelles Ende: Für ihn wurde Toni Hassmann eingestellt. „Das war natürlich ein Schlag. Ich war sechs Jahre lang im A-Kader, das war eine tolle Zeit. Dennoch ist damals nicht die Welt für mich zusammengebrochen, es geht immer weiter“, denkt Merschformann zurück. Neben dem EM-Gold auf der später in die USA verkauften und dort an einer Kolik eingegangenen Holsteiner Caretino-Tochter Ballerina, war sein größter Erfolg der Vizetitel auf der Deutschen Meisterschaft 1997. Außerdem gewann er 2002 mit Camirez B das Weltcup-Springen in Mechelen und den Großen Preis von Münster, siegte 2001 in den Großen Preisen von Neumünster und Hamburg, gewann 2003 die zweite Qualifikationsprüfung im Weltcup-Finale von Las Vegas.


...und Leonarda. Mit ihnen will er wieder ganz
nach oben kommen.
Ab in den Süden

Von Westfalen aus ging er in den Turnierstall Aufrecht in Stuttgart, wechselte vom damaligen Riders-Tour-Chef nach einem dreiviertel Jahr zum Turniertall Puschak bei Augsburg. „Letztlich ging es für mich dort nicht so vorwärts, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber ich habe viele neue Leute kennengelernt“, erzählt er. Und wie waren die Mentalitätsunterschiede“ „Die Süddeutschen sind sehr gesellig. Doch vom Leistungsniveau ist der Unterschied sehr groß. Hier können wir zu sehr vielen Turnieren ohne Übernachtung fahren, im Süden sind die Strecken viel weiter. Und während hier zu 80 bis 90 Prozent Profis an den Start gehen, sind es in Süddeutschland vielleicht 30 Prozent“, charakterisiert er seine Erfahrungen. Seit Herbst 2004 ist er wieder in Westfalen, zurückgekehrt auf die Anlage seiner Eltern. „Wir haben diesen Schritt von vorneherein offen gelassen, ob ich hierhin irgendwann zurückkomme und den Hof mit übernehme. Nach den Jahren auf Gut Berl und in Süddeutschland war die Zeit gekommen, es passte alles gut und natürlich war auch meine Frau Andrea mit ein Grund, wieder zurück nach Westfalen zu kommen“, erzählt er. Sein Vater ist froh: „Nun ist alles so gekommen, wie wir es uns mal gewünscht haben.“ Wenn gleich auch nicht jeden Tag nur Friede, Freude, Eierkuchen zwischen den Brüdern herrscht, wie Markus es ausdrückt, klappt die Kommunikation sehr gut. „Da fliegen auch mal Späne, aber das geht auch schnell vorbei. Wir ergänzen uns prima.“ Ein insgesamt achtköpfiges Team im Stall versorgt die Pferde. Neben den Ausbildungs- und Verkaufspferden stehen auch Kundenpferde von Merschformanns Schülern in den Boxen.

Sein Ehrgeiz ist ungebrochen

Merschformann will international wieder mitmischen. Dafür ging das neue Jahr direkt erfolgreich los: Mit der LTU-Grannus-Tochter Leonarda wurde er Zweiter beim Großen von Gahlen, mit der selbstausgebildeten Stute Petite Golda siegte er in der Mittleren Tour. Dass der Mann wieder ganz nach oben will, daran lässt er keine Zweifel. „Mein Ziel für 2008 sind die Deutschen Meisterschaften. Wenn ich dort unter die Besten Zehn komme, habe ich Chancen, Aachen zu starten.“ Dazu passt die Beschreibung seines Vaters: Ehrgeizig, fleißig und temperamentvoll sei der Sohn. Dazu passt seine Bilanz: In den letzten sechs Jahren hat er mit circa 40 verschiedenen Pferden S-Springen gewonnen. Als Entlastung für Leonarda reitet er den zehnjährigen Ars Vivendi-Phantom-Sohn BL Avalon, der schon Drei-Sterne-S gewonnen hat. „Was fehlt sind natürlich noch mehr Spitzenpferde. Doch da wir das finanziell alles alleine machen, ist das natürlich schwer“, erklärt Markus Merschformann.


In den 70er Jahren stellte der Vater den Betrieb
auf Pferdehaltung um. Heute gibt es 60 Boxen,
eine 40er Halle, einen großen Springplatz, eine
moderne Führanlage sowie Paddocks und viele
Weiden.
Erst mit 15 Jahren in den Sattel

Den kleinen Max kümmert das nicht. Er ist zufrieden, wenn sein Papa da ist. Seit zweieinhalb Jahren ist der mit Mama Andrea verheiratet. „Andrea hat Spaß an Pferden, ist früher selbst geritten, wir kenn uns schon lange.“ Die junge Familie wohnt zwölf Minuten von der Anlage entfernt in Laer, Bruder Frank und seine Frau Lesley sowie Sohn Felix leben auf dem Hof. Die komplette Familie ist groß: Neben Frank (36), der 40 S-Siege verbuchen kann und in der Junioren- und Junge Reiter-Zeit erfolgreich Championate ritt, gehören dazu wie Kaufmann Ralf (37), der hobbymäßig reitet sowie die gar nicht reitenden Schwester Ruth (31). Siten alle mit ihren Partnern und Kindern am Tisch der Eltern Elisabeth und Karl kann es schon mal eng werden. Ralf und Frank haben übrigens viel früher mit der Reiterei begonnen als Markus. „Ich habe Fußball und Tennis gespielt und das fand ich gut. Mit 15 wollte ich auch reiten und dann ging es sehr schnell, mit 17 habe ich schon mein erstes M-Springen gewonnen, mit 20 das erste S und vier Jahre später hollten wir EM-Gold“, erzählt er nicht ohne Stolz.
Zeit für andere Interessen bleibt kaum. Jeden Tag im Sattel von acht bis zehn Pferden sitzen, oft an vier Tagen der Woche auf Turnieren starten – da erübrigt sich die Frage nach Urlaub. „Bei dem Programm bleibt da wenig Zeit. Da reicht es abends oft nur mal zum essen gehen, wenn überhaupt, denn Freunde wie Carsten-Otto Nagel und Bekannte treffen wir auf den Turnieren. Früher bin ich aber viel Fahrrad gefahren.“