Quelle: Pferdesport International 4/2008; Text: Karl Morgenstern
Der „verlorene Sohn“ der Holländer

Der größte Triumph: Mit der Oldenburgerin
Weihaiwej wurde Franke Sloothaak 1994
Weltmeister in Den Haag. Das Foto zeigt das Paar
in Aachen 1993. Foto: Ernst
Es gibt nur wenige europäische Springreiter, die in den letzten 30 Jahren so erfolgreich waren, wie der lang aufgeschossene Friese aus dem niederländischen Eisschnellzentrum Heerenveen, der 1979 Deutscher wurde. 1984 bei den Olympischen spielen in Los Angeles gewann Franke Sloothaak auf Farmer mit der deutschen Equipe Silber; Paul Schockemöhle, Peter Luther und Fritz Ligges waren damals die Gefährten. Vier Jahre später in Seoul gab es für die deutsche Equipe mit Franke Sloothaak, der Walzerkönig ritt und im Einzelspringen Siebter wurde, Ludger Beerbaum, Dirk Hafemeister und Wolfgang Brinkmann sogar olympisches Gold. 1992 in Barcelona landete die deutsche Mannschaft mit Franke Sloothaak, der Prestige gesattelt hatte, nur auf einem enttäuschenden elften Rang. Der große Trost für die deutsche Reiterei: Ludger Beerbaum wurde Olympiasieger. Großartig dann aber der Triumph 1996 in Atlanta: Zum zweiten Mal sprang für Franke Sloothaak, der San Patrignano Joly Coeur ritt, bei Olympia Mannschaftsgold heraus. Ludger Beerbaum, natürlich, Ulrich Kirchhoff und Lars Nieberg waren die tüchtigen Mannschaftskameraden. Ähnlich erfolgreich ist Franke Sloothaaks Bilanz bei Weltmeisterschaften: Einzel- und Mannschaftssieg mit Weihaiwej 1994 in Den Haag und noch einmal Mannschaftsgold 1998 in Rom mit San Patrignano Joly Coeur. Dagegen gab´s bei Europameisterschaften, an denen Franke Sloothaak immerhin auch fünfmal teilnahm, „nur“ einmal Einzelsilber – 1991 in La Baule – und einmal Mannschafts-Bronze: 1985 in Dinard. Eine wahrlich stattliche Bilanz eines Mannes, der am zweiten Februar 50 wird.

50 Jahre jung und voller Pläne: Franke Sloothaak
mit seiner Hündin "Naddel", die ihn auf vielen
Turnieren begleitet. Foto: Frieler
Auch auf Ebene der Deutschen Meisterschaften setzte Franke Sloothaak Maßstäbe. 13 Mal konnte er sich zwischen 1980 und 2000 unter den ersten drei platzieren. Dreimal war er Champion: 1981 in Berlin mit Argonaut (da war er gerade 23 Jahre jung und galt noch als aufstrebendes Talent), 1989 in Berlin mit Walzerkönig und 1991 in Münster mit Walzerkönig. Außerdem sprangen noch sieben zweite und drei dritte Plätze heraus. Immerhin setzte Franke Sloothaak bei diesen 13 Platzierungen nicht weniger als sieben verschiedene Pferde ein – Ausdruck seines großen reiterlichen Vermögens. Und 2001 gelang ihm endlich auch, wovon er 20 Jahre lang vergeblich geträumt hatte, nachdem er schon fünfmal platziert gewesen und ihm nicht weniger als drei Null-Fehler-Ritte im schwersten Parcours der Welt gelungen waren: 2001 gewann Franke Sloothaak mit der Stute Landdame FRH das 72. Deutsche Spring-Derby in Hamburg-Klein Flottbek im Stechen vor Sören von Rönne und Holger Wulschner dank des schnellsten fehlerfreien Rittes. Der damals 43-Jährige war auf seine „alten Tage“ glücklich wie ein kleiner Junge und jubelte: „Endlich habe ich das Derby gewinnen können! Endlich….“

Auch dieses Pferd ist mit olympischen
Gold dekoriert: Frank Sloothaak und
Walzerkönig trugen zum Mannschafts-
sieg in Seoul bei und behaupteten sich
in der Einzelwertung auf dem siebten
Platz. Foto: Ernst
Franke Sloothaak wurde 1975 von Olympiasieger Alwin Schockemöhle in den Niederlanden entdeckt und acht Jahre lang erfolgreich gefördert, ehe er 1984 ins Imperium von Bruder Paul Schockemöhle wechselte. Bis heute gilt er als Reiter par excellence, als ein Stilist wie nur wenige im Sattel – vergleichbar mit dem viel zu früh verstorbenen ehemaligen Weltmeister Gerd Wiltfang, dem Iren Eddie Macken oder der Engländerin Liz Edgar. Ihn im Parcours zu erleben, war – fast – immer ein Genuss. Viel zu oft allerdings musste man mit ihm auch zittern: Nicht immer hielten seine Nerven – der robust und meistens selbstsicher wirkende Athlet ist viel sensibler, als viele glaube, ist oft nervös, wenn alle Welt meint, er habe Nerven wie Drahtseile. Viele große Siege hatte er schon verschenkt, weil ihm Flüchtigkeitsfehler angeschrieben wurden, die man eher von jungen Nachwuchsreitern erwartete.
Als er noch Paul Schockemöhles „Verkaufsreiter“ war, begeisterte er auf jedem Parkett. Keiner stellte Schockemöhles Pferde bei Auktionen, beim Bundeschampionat, bei ländlichen Turnieren oder irgendwo in der weiten Welt besser vor als dieser 1,86 Meter große gebürtige Niederländer, der längst Deutscher ist und sich auch als Deutscher fühlt. Obwohl er seine holländischen Wurzeln nicht verleugnen kann, auch gar nicht will und nach wie vor in den Niederlanden unglaubliche Popularität genießt. Franke Sloothaak sagt es lächelnd so: „Das Papier, der Pass, verändert doch den Menschen nicht.“ Als Paul Schockemöhle noch den stärksten Springstall Europas unterhielt, versprach er seinen Reitern: „Meinen ֽJockeys' werden bei Olympia gute Pferde haben.“ Paul hielt Wort, die Erfolge kamen postwendend – und Franke Sloothaak hat nie vergessen, was er den Brüdern Schockemöhle verdankt.

Karrierestart mit einem der promi-
nentesten Pferd seiner Zeit: Frank
Sloothaak durfte Alwin Schockemöhles
Rex the Robber reiten, wie hier 1981
beim Turnier in Münster. Foto: Ernst
Nicht immer war dem Tausendsassa Franke Sloothaak, der meist fröhlich lachend auftritt und kein Freund von Traurigkeit ist, allerdings das Glück hold. Schwere Stürze blieben ihm nicht erspart. 1985, beim Rotterdamer CHIO, rutsche der bewährte Holsteiner Wallach Farmer auf dem Abreiteplatz in der Kombination weg und riss Franke Sloothaak mit. Das bittere Resultat: Kapselriss, Innenbandriss, beide Kreuzbänder demoliert, dem Außenband ging es nicht viel besser, und mit dem Meniskus sah es genauso armselig aus. In Bremen wurde Franke Sloothaak sofort behandelt, in Hannover operiert – und einen Monat später war er seinen Gips wieder los. Ein halbes Jahr später trat er wieder an. Ganz schlimm kam es auch 1997. Nach einem Sturz im eigenen Stall im ostwestfälischen Borgholzhausen war eine Schulteroperation fällig, der zwangsläufig die Absage für die Europameisterschaften in Mannheim folgte. In der Stuttgarter-Schleyer-Halle stürzte er im Oktober mit einem jungen Pferd. Wieder musste dieselbe Schulter operiert werden. Diesmal in Heidelberg. Doch die schweren Stürze haben sein Selbstvertrauen nicht erschüttern können: „Dann müsste ich doch mit dem Reiten aufhören. Und das geht nun wirklich nicht. Dazu macht das Reiten mir viel zu viel Spaß.“ Er müsste ergänzen: „Reiten ist auch mein Beruf.“
Himmel voller Geigen
Als Franke Sloothaak 1991 den Stall Paul Schockemöhle verließ, gab es viele Unkenrufe. Aber schneller als erwartet fand der umtriebige Reitersmann wieder Boden unter den Füßen, ritt lange für den umstrittenen italienischen Stall Muccioli (San Patrignano) in Rimini, was ihm viel Kritik einbrachte, und gleichzeitig für den Holsteiner Verband. 1995 folgte der couragierte Versuch, im 8500 Einwohner zählenden Borgholzhausen in Ostwestalen ein eigenes Imperium aufzubauen. Nach dem olympischen Triumph in Atlanta stand ganz Borgholzhausen Kopf, schien der Himmel voller Geigen zu hängen. Doch die hochfliegenden Pläne, in Borgholzhausen einen großzügigen Stall a la Ludger Beerbaum in Riesenbeck aufzubauen, sind Vergangenheit. Dafür gibt es viele Gründe, nicht zuletzt familiäre. Das einstige „Traumpaar“ Sabine & Franke Sloothaak gibt es nicht mehr, die herrliche Anlage in Borgholzhausen mit den Stallungen für 28 Pferde, ein Millionen-Objekt, steht zum Verkauf. Seine zehn Pferde aber leben nach wie vor in Borgholzhausen. Bis auf weiteres. Franke Sloothaak, der sich wahrscheinlich in Sommerstorf, in Mecklenburg-Vorpommern, fünf Kilometer von Waren entfernt, ein neues Domizil mit Reithalle und Hotel aufbauen wird, bekennt mit einer von ihm ungewohnten Zurückhaltung freimütig: „Ich muss mir Zeit lassen, alles ist im Fluss. Da werden noch ein paar Monate ins Land gehen, ehe alle Entscheidungen reif sind.“ Das gilt auch für das immer wieder aufkommende Gerücht, er werde russischer Verbandstrainer werden. Über einschlägige Kontakte verfügt Franke Sloothaak schon seit Jahren. Sloothaak gibt sich reserviert: „Auch das ist noch nicht spruchreif.“ Und dann lächelt der Champion, der immer wieder als „Prince Charming“ apostrophiert worden ist: „„Ich habe auch Anfragen aus Japan, Australien und Mexico, Lehrgänge durchzuführen. Es will alles reichlich überlegt sein.“

Verschnaufpause: Sunnyboy Franke
Sloothaak stand nicht immer auf der
Sonnenseite des Lebens. Schwere Stürze,
eine gescheiterte Ehe, Verkauf der
schönen Reitanlage und ein notwendiger
Neubeginn gehören ebenso dazu.
Foto: Frieler
Wie lange er noch im großen Sport aktiv sein will? Franke Sloothaaks Antwort: „Das hängt doch vor allem auch davon ab, was ich für Pferde habe. Wenn ich ein paar gute Pferde habe, kann ich noch fünf Jahre reiten. Aber dass ich bis 65 reiten werde wie Hugo Simon, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Obwohl ich großen Respekt vor Hugo habe, wie fit er noch ist und wie stark er noch immer reitet.“ Mit dem 13-jährigen Hannoveraner Wallach Legurio und dem elfjährigen Holsteiner Wallach Aquino ist Franke Sloothaak allerdings wieder gut versorgt. Wer Franke Sloothaak nach den interessantesten und schönsten Jahren seiner langen erfolgreichen Laufbahn fragt, erhält eine unmissverständliche Antwort: „Das waren die Jahre unter Hermann Schridde und Herbert Meyer. Wir waren junge Reiter, die nach oben wollten, und sie waren großartige Vorbilder für uns. Und wir hatten tolle Pferde. Es passte einfach alles. Dass wir heute so viele gute Reiter in Deutschland haben, liegt auch daran, dass Hermann Schridde und Herbert Meyer damals so starke Vorbilder für uns alle waren. Von beiden profitiert die deutsche Reiterei noch heute. Und dann waren da natürlich die Tage in Den Haag. 1994. Das war wirklich einmalig. Da lief alles großartig für mich.“ Franke Sloothaak, der „verlorene“ Sohn der Holländer, in Deutschland einst auch als „Pfeifenraucher des Jahres“ gefeiert, ist immerhin nicht weniger als 79 Mal für Deutschland geritten. Nur Hans Günter Winkler (105) und Ludger Beerbaum (102) haben es auf mehr Nationen-Preis-Einsätze gebracht. Seine besten Pferde? Franke Sloothaak: „Farmer, Walzerkönig, Joly Coeur. Und noch ein paar mehr. Ich hatte das große Glück, immer wieder gute Pferde zu haben. Und dass ich als junger Kerl Alwin Schockemöhles Rex the Robber reiten durfte, darauf bin ich noch heute stolz“
Was wäre wohl aus Franke Sloothaak geworden, wenn ihn Alwin Schockemöhle nicht vor drei Jahrzehnten entdeckt und nach Mühlen „entführt“ hätte? Für die meisten Holländer steht heute fest: „Er wäre auch in den Niederlanden ein Weltklassereiter geworden!“ Wie sehr sie ihn noch lieben und schätzen, lässt sich daran ermessen, dass sie ihm einst anboten, niederländischer Verbandstrainer zu werden. Doch damals lehnte Franke Sloothaak noch ab. Es war die Zeit, als er von Erfolg zu Erfolg eilte. Das aber ist Vergangenheit.
Tüchtiger Golfspieler
Oder wäre aus dem Friesen Sloothaak nicht vielleicht auch ein starker Eisschnellläufer geworden? Friesland ist immerhin seit Jahrzehnten die Hochburg dieses holländischen Nationalsports – und Sloothaak im Gegensatz zu vielen anderen Springreitern ein recht vielseitiger Sportler, war in jungen Jahren auch ein guter Eisflitzer. Doch lachend erklärt der Springreiter: „Nein, Eisschnelllaufen ist schön, aber mein erster Sport war immer Reiten.“ Dabei bleibt´s. Auch in Zukunft. In Sommerstorf oder sonst wo. So ganz nebenbei ist Franke Sloothaak trotzdem auch längst ein tüchtiger Golfspieler geworden.
