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Quelle: Pferdesport Inernational4/2008; Text: Daniela Domnick

Wellington, der sensible Riese


Hannoveraner im XXL-Format: Der
13-jährige Wellington mit 1,84 Meter
Stockmaß und seine Reiterin Alexandra
Simons-de Ridder sind seit über sechs
Jahren ein Paar auf dem Viereck.
Foto: Frieler
„Er ist unglaublich leistungsbereit“, schwärmt Alexandra Simons-de Ridder. Aber die Ängstlichkeit und Schreckhaftigkeit des 1,84 Meter großen Hannoveraners Wellington machten seiner Reiterin anfangs mächtig zu schaffen.

„Man kann Freizeitpferde züchten, oder man züchtet selbstbewusste Sportler“, weiß Diedrich Meyer aus Köhlen. Auf seinem Landwirtschaftlichen Betrieb züchtet er mit acht Stuten eben diese Leistungspferde für den Sport. Vor einigen Jahren erwarb Diedrich Meyer Legende, die Großmutter von Wellington. „Ich mochte den ehrlichen und leistungsbereiten Stamm“, erinnert sich der Züchter. Legende war nur 1,61 groß und wurde mehrmals mit Garibaldi II angepaart, einem laut Meyer sehr selbstbewusstem Hengst. Sieben Staatsprämienstuten gingen aus der Verbindung hervor, unter ihnen Grenata, die Mutter von Wellington. Diese führte der Züchter dem Hengst Wanderer zu, der 20 gekörte Söhne wie Wandervogel I und II sowie Wanderbursch I und II stellte. „Eigentlich wollte ich ein Springpferd züchten“, sagt er, doch es kam anders, als Meyer es geplant hatte. Schon im Fohlenalter zeigte Wellington seine Bewegungsqualität und wurde von Theodor Leuchten entdeckt. „Er hatte eine unglaubliche Dynamik“, erinnert sich Leuchten und ergänzt, „er trabte mit seiner Mutter die Straße rauf und runter und trommelte auf den Asphalt, als liefe er auf einem federnden Untergrund. Das war schon klasse.“ Theodor Leuchten erwarb den Jüngling und seine Vollschwester Wanda, die später mit seiner Frau Bettina im Viereck erfolgreich war.

Gute Kinderstube
Bei aller Dynamik – optisch war Wellington nicht das „Gelbe vom Ei“. In jungen Jahren wirkte er eher wie ein hässliches Entlein mit einem viel zu großen Kopf und war, so Leuchten, „von einem Hengstanwärter Lichtjahre entfernt“. Trotz seiner Körperstruktur war der Braune schon immer feinfühlig im Umgang. Der Agraringenieur aus Ratingen wusste es und bat damals seinen Schmied, besonders vorsichtig mit ihm umzugehen. „Ich hörte nur einen dumpfen Schlag, und der große, stämmige Schmied lag am Boden, weil er doch zu grob versucht hatte, dem Pferd das Halfter anzulegen.“ Wellington war aus Angst zurückgeschreckt und schaute verdutzt zum Schmied herunter. „Er ist nun mal ein riesiges Pferd, das eine sensible Hand braucht. Man muss auf ihn eingehen und kann nichts erzwingen“, kommentiert Leuchten den Charakter des Hannoveraners. So auch bei der Arbeit unter dem Sattel. Wellington wurde von Bettina und Theodor Leuchten auf ihrem Gut Volkardey in Ratingen ausgebildet. Zunächst wurden seine Spring- und Dressuranlagen gefördert, später konzentrierte sich die Ausbildung ganz auf den Vierecksport. „Von Anfang an wollte Wellington bei der Arbeit gefordert werden“, weiß der Vorbesitzer und beschreibt den heute 1,84 großen Wallach als kraftvolles, aber sensibles Pferd mit Nerv. „Man konnte ihn auch bei 35 Grad im Schatten noch reiten.“ Sechsjährig qualifizierte er sich unter dem Sattel von Ludo Konings für das Bundeschampionat in Warendorf, wo Alexandra Simons-de Ridder ihn zum ersten Mal sah.

Wellingtons Eigenheiten
„Es gibt Pferde, die sprechen einen einfach an, und er war so einer“, erinnert sich Alexandra Simons-de Ridder. „Ich mag es, wenn die Pferde temperamentvoll sind.“ Obwohl Wellington laut der Reiterin „für eine Frau doch viel Pferd ist“, wagte sie einen Versuch. Die Anfänge waren nicht ganz so einfach. „Besonders im Schritt war er so heiß“, sagt Simons-de Ridder und erinnert sich an einen Rosenmontag, als sie mit ihm ganz alleine war: „Aus meiner Verzweiflung heraus ließ ich ihn nach dem Reiten alleine in der Halle laufen. Er tobte sich bestimmt 20 Minuten aus. Danach hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass er zufrieden war,“ Ab diesem Tag gönnte sie ihm regelmäßig diese Freiheiten, und wenige Wochen später, im Frühjahr, durfte Wellington mit dem alten Pony der Tochter auf die Weide. Ein Privileg, das er bis heute genießt. „Er ist ein großes Pferd mit einem kleinen Herzen, er ist nicht so mutig und allem gegenüber skeptisch“, charakterisiert Alexandra Simons-de Ridder und versuchte von Anfang an, vor allem sein Vertrauen zu gewinnen. Schnell zahlte sich die Arbeit aus. Nach zwei Starts in nationalen Prüfungen platzierte sich das Paar im St. Georg beim CHIO in Aachen.

Otto Lörke-Preis
Ein Jahr später sammelten die beiden weitere Siege und Platzierungen in der kleinen Tour. Mit neun Jahren startete Wellington in seine erste Grand-Prix-Saison und wurde am Ende des Jahres aufgrund seiner Erfolge mit dem Otto-Lörke-Preis ausgezeichnet. Bis heute macht der riesige Braune immer wieder mit Siegen und Platzierungen auf sich aufmerksam, gerade erst mit dem zweiten Platz im Kurz-Grand Prix beim Hallenturnier in Münster.
Wellington wurde komplett ohne Gerte ausgebildet. „Aus erzieherischen Gründen habe ich es erst einmal versucht, aber er regt sich viel zu sehr auf“, sagt die Reiterin, die ihren Riesen nur mit Ponysporen reitet. „Er ist so sensibel und arbeitsbereit, jeden Tag locker und beständig.“ Nur in Siegerehrungen ist der Braune mit der markanten Blesse nicht zu reiten. „Da werden seine Augen riesengroß, er bekommt regelrecht Panik.“

Stallname „Werner“
Im Stall wird Wellington nur Werner genannt. „Werner“ muss leider ständig Diät halten. „Wenn er könnte, fräße er Tag und Nacht – und ich würde im Spagat auf ihm sitzen“, lacht Alexandra Simons-de Ridder.