Quelle: Reiter Revue 2/2008; Text: Cornelia Höchstetter
Lernen mit Meistern
Kreis-Lauf-Geschichten

„Reitkunst ist möglichst viele Pferde bis zur
Championatsreife auszubilden und sie lange im
Sport zu halten.“
Alle reden von der Höhe. Ich bin beim Training kein Freund davon“, erklärt die gebürtige Engländerin Helena Stormanns (44) – bis zum Sommer 2006 als Helena Weinberg bekannt. „Davon werden Pferde nur kaputt.“
Die international erfolgreiche Springreiterin und mehrfache Deutsche Meisterin baut gerade Übungssprünge auf – schön klein, es geht um Gymnastik und vor allem um Rittigkeit. Im Rahmen der Serie „Lernen mit Meistern“ besucht Reiter Revue Helena Stormanns, die gerade ihre Tochter Andrea (18) und die Norwegerin Maia Stange (17) trainiert. Die beiden sollen erst auf dem Zirkel über vier kleine Sprünge galoppieren (siehe Kasten), um die Pferde „zwischen Hand und Fuß“ zu haben – wie es Stormanns nennt. Danach geht es über einen Mini-Parcours, vier Sprünge in Folge. Kniffelig: Ein Sprung steht aus einer ungewöhnlich engen Rechtswendung, der nächste ist der Aussprung der Kombination, schräg anzureiten. Dem dritten liegt ein himmelblauer Gummiwassergraben zu Füßen. „Mit außergewöhnlichen Dingen will ich die Schwächen zu Hause herausfinden und an ihnen arbeiten“, meint Stormanns. Wer nur Standards trainiert, wird auf dem Turnierplatz überrascht.
„Nur zum Abschluss des kleinen Parcours gibt es einen normalen Sprung. Denn dauernd kompliziert ist auch nichts. Ich bringe ein bisschen was durcheinander und zum Schluss kommt´s ganz normal. Dann stimmt auch der Rhythmus wieder.“ Das ist ihr Trainingskonzept, damit „Pferde interessiert und frisch bleiben.“
Frisch bleiben Stormanns Pferde dank Abwechslung. „Während Turnierpausen wird nicht gesprungen. Da steht Dressur auf dem Programm und viele Ausritte in den Wald, wo die Pferde traben und galoppieren dürfen. Die Kondition muss erhalten bleiben. Sonst leiden Gelenke und Beine.“
Apropos Turnierpause: In vier Wochen kommt Helenas drittes Kind zur Welt, Tony soll es heißen. Deshalb hat sie sich in den letzten Monaten auf das Unterrichten beschränkt. „Das macht auch Spaß.“ Probleme mit den eigenen Kindern tauchen gar nicht erst auf. „Taten sind immer am besten, etwas zu beweisen“, lächelt sie selbstsicher. Und das Erfolgskonto von Mutter Helena ist immer noch dicker, selbst wenn Andrea als auch Thomas Weinberg schon in den hohen Klassen mitreiten. „Juniorerfolge zählen später gar nichts mehr“ findet sie. „Einen Marco Kutscher kannte aus dem Junioren-Lager keiner. Der kam erst später – und wurde dann Europameister.“
Für Stormanns ist die Basis für den Erfolg, gründlich zu lernen und viele verschiedene Pferde zu reiten. Auch junge oder welche, die dem Reiter nicht auf den Leib geschnitten sind. „Sonst wird man festgefahren, in seiner Art zu reiten.“ Flexibilität und Individualismus – das sind zwei Dinge, die in Helena Stormanns System oben stehen.

Maia Stange (17) aus Norwegen trainiert
mit „Close Shave“ seit vier Wochen bei
Stormanns.
Den besten Beweis geben die Pferde ihrer Schüler: Der blutgeprägte neunjährige Contender-Sohn Concreto von Andrea und der schwere irische Schecke von Maia. „Wenn ich beim Parcoursabgehen lausche, wie zwei Reiter mit solch unterschiedlichen Pferden über eine Distanz diskutieren und sich dann auf eine bestimmte Anzahl von Galoppsprüngen einigen…“, dann schüttelt Helena Stormanns den Kopf. Das ist ihre Kritik an der deutschen Art und Weise, Reiten zu lernen. Zu sehr nach Schema F und Programm. „Dabei braucht einfach das Pferd mit der kleineren Galoppade einen Galoppsprung mehr. Das ist genauso richtig.“
Helena Stormanns ist beharrlich, redet mit Händen und Mimik, immer klingt der englische Akzent durch. Aber in jeder Situation eine Respektperson. „Ich selbst hatte früher mit dem englischen Springreiter Malcolm Pyrah einen sehr strengen Lehrer. Lob gab es nicht. Hat er nichts gesagt, war das ein Zeichen für einen fantastischen Ritt. Aber: Selbst Malcolm hat mich nicht vom Reiten abgebracht“, filtert sie den Vorteil eines solchen Trainers heraus. Denn umgekehrt: „Wenn es Trainer ihren Reitern zu leicht machen, kommen sie später mit Rückschlägen gar nicht zurecht.“
An Rückschläge denkt sie trotz Babypause nicht. „Reiten verlernt man nicht.“ Denn neben der Halle steht im Stall die Zukunft – mit Blick auf eine großzügige Stallgasse und Fensterfront zum Außenplatz. An den Boxen Namensschilder mit berühmten Vätern. Etwa Sancho Pansa, wie Meredith Michaels-Beerbaums Shutterfly stammt er von Silvio I ab. „Der kann auch mal so gut werden“, glaubt Stormanns. Bundeschampionat steht nicht auf dem Plan. „Viele gute Pferde haben mit fünf Jahren noch geschlafen.“ Trotzdem empfindet sie die Bundeschampionate als gute Einrichtung: „Viele Reiter achten darauf, dass die Pferde korrekt ausgebildet werden, dass sie die Wechsel springen, im Rhythmus springen. Wenn dieses Ziel wegfiele, dann würde auch die Ausbildung leiden.“ Sagt sie und predigt ihren Schülern weiter: „Denk ans Grundtempo!“
Die Runde machen
Eine Übung, um die kein Schüler bei Helena Stormanns herumkommt: Im Kreis springen. Vier Cavaletti beziehungsweise zwei Cavaletti und zwei Sprünge liegen auf einer kleineren Zirkellinie, etwa auf dem zweiten oder dritten Hufschlag, weg von der Bande.
Helena Stormanns erklärt: „Wir fangen immer auf der linken Hand an, weil die meisten Pferde links etwas lockerer gehen. Erst einmal über ein Hindernis, dann über zwei und erst dann über alle vier. Wenn wir auf dem Zirkel sind, wollen wir vom Pferd drei Galoppsprünge zwischen den Sprüngen. Wenn das klappt, zwei bis drei Runden, das reicht. Wichtig: locker bleiben, Rhythmus beibehalten und immer die gebogene Linie einhalten.“ Da gleiche Spiel auf der rechten Hand –funktioniert die Übung, Zirkel verlassen, Pferd loben.
Lerneffekt für den Parcours: „Es gibt oft Distanzen auf gebogener Linie. Zu Hause aber üben die meisten Reiter stur gerade Distanzen. Viele können geradeaus den Abstand einschätzen und Galoppsprünge zählen. Aber auf gebogener Linie mit klassischer Distanz auf fünf Galoppsprünge passiert immer derselbe Fehler: Beim Landen reiten sie erst zwei Galoppsprünge geradeaus und gehen dann in die Kurve“… und verlieren die Linie. Diese Runde lehrt, auf gebogener Linie Hindernisse richtig anzureiten.
Probleme, die auftauchen:
- Der Reiter schaukelt zu viel mit dem Oberkörper hin und her.
Besser: Nicht so weit aufstehen. Möglichst gerade sitzen, in der Mitte des Pferdes sitzen und dann Anleitung geben. Entweder landet das Pferd sauber im Handgalopp. Wenn nicht, wird ganz normal auf gebogener Linie ein Wechsel geritten. Je mehr sich der Reiten nach innen wirft, desto mehr weicht das Pferd nach außen aus. „Logisch, weil es sonst umfällt“, meint Stormanns. - Das Pferd fällt in den Kreuzgalopp.
Besser: Das Pferd muss noch lernen, sich auszubalancieren und an den äußeren Hilfen, also an Hand und Bein, zu stehen. Das erreicht man mit viel grundlegender Dressurarbeit noch abseits der Zirkelrunde. Stormanns Tipps: „Mit Außengalopp oder im Galopp auf dem zweiten Hufschlag. Weg von der Bande!“ - Der Reiter verliert die gebogene Linie.
Besser: „Wenn der Reiter schon beim Landen in die Kurve geht, zum nächsten Hindernis blickt, Stellung und Biegung vor, während und nach dem Sprung vorgibt. „Dann kommt man automatisch auf den richtigen Weg, findet die Ideallinie und die richtige Distanz.“ - Der Rhythmus geht verloren.
Besser: Höheres Grundtempo. Das Pferd soll energisch abfußen. Wichtig, wenn es ein Pferd ist, das von Natur aus ein höheres Grundtempo braucht als die meisten blutgeprägten Pferde. Werden die unter dem natürlichen Tempo geritten, werden sie unsicher. - Das Pferd springt zu früh oder zu spät ab. Das wirkt sich auf die Flugkurve aus – die Flugkurve hat ihren Mittelpunkt über dem Sprung, der Absprungpunkt ist genauso weit vom Hindernis entfernt wie der Landepunkt. Kommt das Pferd zu dicht ans Hindernis, landet es genauso knapp dahinter. Also wird die Distanz zum nächsten viel größer, der Absprung passt nicht mehr.
Besser: Wieder ein höheres Grundtempo. „Das machen Amateure oft falsch: Sie versuchen alles wie wild unter Kontrolle zu halten, reiten aber nicht genügend Grundtempo. Aber genau das brauchen sie.“
Helena Stormanns über …
…die letzten Jahre und Monate: „Im August 2005 haben wir (Anm. der Red.: Helena mit Ehemann Tim Stormanns) die Anlage in Eschweiler gekauft und renoviert. Jetzt haben wir 45 Boxen.“ Im Juli 2006 hat die damalige Helena Weinberg den Aachener Springreiter Tim Stormanns geheiratet. Im Winter 2006/2007 folgte eine Zwangspause vom Springsport, weil sich die gebürtige Engländerin beim Skifahren ein Kreuzband riß. Nach zwei Operationen ging es im Sommer wieder aufs Pferd. Ein paar Tage später die Überraschung: Sie ist schwanger, im Januar kommt ihr drittes Kind, Tony, zur Welt.
…schwanger Reiten: „Bei meinem ersten Sohn Thomas bin ich bis kurz vor der Geburt geritten. Schwangerschaft ist keine Krankheit. Als ich mit Andrea schwanger war, fing ein junges Pferd unter mir im Gelände an Unfug zu machen. Da bekam ich zum ersten Mal Angst. Nicht um mich, sondern ums Baby. Ich bin abgestiegen und habe das Pferd nach Hause geführt. Aber drei Tage nach der Geburt stand ich mit gepacktem Koffer und Baby auf dem Arm vor dem Arzt und erklärte ich wolle nach Hause, ich müsse reiten.“
…über Amazonen: „Ich trainiere fas nur Mädchen. Ihre Probleme können Jungs nicht verstehen. Wir müssen einen anderen Weg zum Ziel einschlagen: Mit Köpfchen statt mit Kraft – und mit Konsequenz.“ Deshalb baut Stormanns bei den Pferden auf Gehorsam und Grundausbildung.
…über englisches und deutsches Reiten: „In England lernen Kinder in den Ponyclubs mehr über Horsemanship. Dort können Zehnjährige füttern und putzen, wissen, wann der Schmied kommen muss und eine Wurmkur nötig ist. Darauf legen Engländer großen Wert. In Deutschland ist die Dressurarbeit wichtiger. Die wird aber zu sehr nach Programm gelernt; mit wenig Rücksicht auf individuelle Lösungen für Reiter- und Pferdetyp oder Situation.“
…Championatsreiten: „Als ich mit Ferdinand 1998 als Reservistin für die deutsche Mannschaft zur WM nach Rom reiste, habe ich viel gelernt: Etwa im richtigen Moment die Höchstform zu erreichen. Eine Stärke der Deutschen, die ihre Saison mit Rücksicht auf Championate planen und besser auf einen Großen Preis verzichten. Engländer reiten lieber jeden Sonntag einen Großen Preis.“
